Ein Kind des Zorns
Friedliche Mäuse, freundliche Rosen, die einem den Weg zeigen, hüpfende Häschen und kleine Kuchen, die einem wachsen lassen. Das ist das Wunderland… Wirklich? Eher nicht. Das Wunderland steht kurz vor dem Verderb und Zerfall. Das durfte man schon im Vorgänger „American McGees Alice“ erfahren. Damals verliert die noch kleine Alice ihre Eltern bei einem Hausbrand. Ein so schlechtes Erlebnis bringt Alice in die Irrenanstalt, in der sie ihr eigenes Wunderland erschafft – in ihrer Fantasie. Bedingt durch die Ereignisse verwandelt sich das bekannte Wunderland in eine schreckliche Unterwelt voller Dämonen. Alice muss dieses Wunderland retten und vor dem Verderb schützen – und sich selbst mit. Heute, 11 Jahre später, gibt sich EA wieder die Ehre: Ein neues Wunderland wird erschaffen. Oder besser gesagt, das Wunderland wird wieder zur Unterwelt.
Nicht alles hat ein Ende
In Alice: Madness Returns seid ihr, in der Rolle der Alice selbst, quasi schon dazu verdammt in Wunderland zurückzukehren, da sich die Katastrophe von vor 11 Jahren wiederholt. Alice hat sich noch nicht erholt. Psychisch ist sie immer noch krank und kann die Ereignisse, die sie im Wunderland erlebt hat, nicht verarbeiten. Die Intro-Sequenz alleine ist schon ein Horrorfilm. Ihr erlebt einen kleinen Film, in dem Papiermarionetten eine Szene aus dem Wunderland darstellen. Erst friedvoll, dann grausam. Puppenhände, die die Haut aus dem Gesicht kratzen und ein platzender Kaninchenkopf, ein blutiges Meer und eine schreiende Alice. Der erste Schock im Spiel ist schon mal vorprogrammiert.
Da wird einem sofort bewusst: Es geht weiter. Man betritt eine Welt, wie sie in kaum einer Fantasie entstehen kann. Ein baumgroßer Hutmacher, Teekessel mit roten Augen, schwarze Schleime, die Meteoritenähnliche Feuerbälle schleudern, ein zerfetzter Hase und eine gruselige Grinsekatze. Das sind nur wenige Charaktere und Feinde, die im Laufe des Spiels bedeutende Rollen einnehmen.
Zurück zu den Wurzeln
Direkt nach dem beeindruckend schaurigen Intro, erwacht ihr als ältere Alice bei dem Psychiater im Irrenhaus, bei dem ihr zur Behandlung seid um die schrecklichen Erfahrungen im Wunderland zu vergessen. Nachdem ihr euch selbst frei bewegen könnt, dürft ihr euch das Irrenhaus, die deformierten Kinder und die Gassen Londons anschauen. Farbe sucht ihr hier vergeblich. Die Häuser und Menschen wirken wie aus einem vorherigen Jahrhundert. Die düstere Umgebung passt vollkommen zum ersten Eindruck. Viel tun kann man allerdings nicht. Nicht alle Gassen sind begehbar, die Menschen reden gerade mal einen schwachen Satz und es gibt keine Interaktionsmöglichkeiten. Ihr folgt also stur dem Weg, der euch durch eine Katze vorgegeben wird. Da fällt einem recht positiv die Ego-Perspektive auf, in die man durch Drücken vom rechten Stick aktiviert. In die könnt ihr aber nur wechseln, wenn ihr gerade Alice in London seid, im Wunderland steht euch diese leider nicht zur Verfügung. Ihr erkundschaftet nur kurz das düstere London. Was aber auch nicht weiter tragisch ist, da man ja nicht viel erleben kann. Danach geht’s schon weiter und die nächste schaurige Szene erwartet euch, noch bevor ihr euch erholen konntet vom letzten Kurzfilm. Der Vorteil hier ist, dass man sich die gesamte Einleitung erspart hat, sodass man sich schon am Anfang des Spiels fühlt, als sei man mittendrin. Es folgt der Trip ins Wunderland.
Ihr seid niemals allein
Im Wunderland stellt ihr fest, dass Alice sich verändert hat. Das wirkt im ersten Moment unrealistisch, aber das Wunderland ist ja auch nur eine Fantasie. Oder sollte es zumindest sein. Wer das triste London langweilig fand, wird hier die Augen verlieren. So viel Buntes und Farbenfrohes erwartet man nicht. Keinesfalls kann man hier den Entwicklern vorwerfen, unnötige Deko platziert zu haben. Die Umgebung ist raffiniert und detailliert. Im späteren Spielablauf wiederholt sich dies aber. Ihr dürft aber erst einmal eine Einführung durchleben. Die gestaltet sich überraschender Weise nicht langweilig. Ihr dürft alles selbst ausprobieren und müsst nicht erst einer Fee nachhüpfen. Zuerst hüpft ihr auf Pilzen herum und lernt über Gruften zu schweben, indem ihr euch in der Luft durch mehrmaliges Drücken der A-Taste um eure eigene Achse dreht und weitere Strecken schwebt, indem ihr von Schmetterlingen umgarnt werdet. Da kann es aber auch mal vorkommen, dass man manchmal gar nicht weiß wo lang man eigentlich soll. Zudem ist nicht immer wirklich klar, wo man denn landet wenn man gerade durch die Luft fliegt. Da stürzt man auch das ein oder andere Mal ab. Ihr dürft euch aber schon bald der harten Realität, soweit man es im Wunderland denn auch so nennen kann, stellen. Ihr bekommt eine Waffe, schlitzt Feinde auf und setzt eine Pfeffermühle als Schusswaffe ein, beispielsweise gegen fliegende Schweinenasen um Boni zu sammeln. Im Spiel selbst müsst ihr überraschend oft dasselbe tun. Ihr springt in der meisten Zeit von einer Plattform zur anderen, hüpft von einem Pilz auf eine Erhöhung und auf den nächsten Pilz.
Interessant sind die rätselartigen Vorgehensweisen. So muss man sich in verstecke Ecken bomben, um Schalter zu aktivieren, muss raffiniert riesigen Metallfäusten ausweichen, schrumpft sich mithilfe der LB-Taste um durch kleine Schlüssellöcher zu gelangen oder sich leuchtende Hinweise und Tipps an der Wand anzusehen und muss immer wieder darauf achten, nicht ins Nichts herunterzufallen. Sollte dies dann mal der Fall sein, löst ihr euch in blaue Schmetterlinge auf. Dabei scheint ihr eine unbegrenzte Anzahl an Leben zu haben – was sich im Wunderland ja auch anbietet.
Weiterhin kämpft ihr ständig gegen ganze Horden an Monstern, von denen manche nur unter ärgster Anstrengung zu bekämpfen sind. Da ist es manchmal klüger, die Beine in die Hand zu nehmen und zu fliehen. Wem das Kämpfen aber mehr liegt, der hat die Möglichkeit, seinen Waffen ein Upgrade zu verpassen. Dafür sammelt man keine langweiligen Münzen, sondern tatsächlich Zähne – mit denen man die Upgrades bezahlen kann. Die Gegner an sich wiederholen sich in den einzelnen Level immer wieder. Viele unterschiedliche Arten gibt es in einem Level nicht zu bekämpfen, dafür lernt man relativ schnell die verschiedenen Tricks kennen. Hierbei muss man das ein oder andere Mal auch auf seine Hysterie zurückgreifen, die man nutzen kann, sobald die Lebensanzeige fast komplett leer ist. Dadurch färbt sich die Umgebung schwarz-weiß und Alice mutiert zu einer kämpferischen Furie. Nach jedem Verlust der Lebensenergie erfreut man sich an der automatischen Speicherung. Da fühlt man wahre Dankbarkeit, nicht den nächsten Speicherstand aufsuchen zu müssen, als befinde man sich in einer Wüste ohne Oase.
Das Faszinierende ist das Gefühl, dass sich beim Spiel entwickelt. Man fühlt sich komplett in das Spiel hineingezogen, sodass die Zeit wirklich wie im Fluge verfliegt. Die Anspannung hält sich im gesamten Spiel. Dies lässt auch dann nicht nach, wenn man die Länge eines Kapitels bedenkt. Ein Kapitel zieht sich zwar hin, und innerhalb dieser erlebt man auch nicht immer die gewünschte Abwechslung. Aber man verliert nie das Gefühl, verfolgt zu werden oder auf etwas abartiges, lautes und großes Etwas zu stoßen.
Ein wahrer Augenschmaus
Die Grafik ist nicht zu verachten. Detailreich und fein, überlegt zusammengestellt und manchmal auch etwas unscharf. Manche Umrisse sind leider etwas matschig. Die Level-Gestaltung an sich ist aber absolut überzeugend, sehr abwechslungsreich und wirklich durchdacht. Auch wenn die Menschen und Charaktere, wie beispielsweise Alice selbst, nicht wirklich realistisch und wie echte Menschen aussehen, haben sie doch ihren ganz eigenen sympathischen, oder eben auch genau das Gegenteil, Stil. Die Animationen sind sehr gelungen, so flattert Alices Rock oder ihr Haar durch die Luft, sobald man springt oder von einem Windzug erfasst wird. Die Videos haben ihren ganz eigenen Charme. Die papierartigen Figuren wirken wie Marionetten und sind eine nette Abwechslung. Wirklich störend sind die anfangs mitten im Fenster auftauchenden Pop-Ups, die einem zum Beispiel die Anweisung zum Springen geben, und die dann nicht mehr so schnell verschwinden.
Der Ton ist überwiegend gut gelungen. Die Hintergrundmusik ist, wahrscheinlich bewusst, dezent und fällt eher weniger auf. Das stört einem aber kaum, weil man die meiste Zeit mit sich selbst beschäftigt hat. Die Synchronisation ist fast schon perfekt. So kommen die Ironie und der schwarze Humor genau an der richtigen Stelle zur Geltung. Die Art des Ausdruckes ist für eine deutsche Synchronisation fast schon überragend. Negativ ist dennoch, dass es Stellen gibt, an denen der Ton zu laut wird. So hat man sich gerade einen Dialog angehört und im nächsten Moment sammelt man eine Erinnerung, die einem förmlich entgegenbrüllt und das Trommelfeld nervt. Manchmal ertappt man auch Momente, in denen gleich zwei Stimmen gleichzeitig reden, so wie der Tipp der Grinsekatze, die sich nicht unterbrechen lässt, auch wenn gerade eine Stimme durch einen Lautsprecher dröhnt.
Noch bessere Waffen, noch coolere Kleidung
Einen Multiplayer bietet Alice: Madness Returns leider nicht. Dabei wäre es sicher unterhaltsam, mit anderen gemeinsam Schweinenasen abzuschießen oder gegeneinander zu kämpfen. Dafür könnt ihr euch ein, für 160 Microsoft Pints recht günstiges, Packet downloaden, das sich „Wahnsinnswaffen und Kostüme“ nennt. Darin enthalten sind neue Kostüme und tolle Waffenupgrades.
Vor 11 Jahren war doch was
Dem Spiel liegt der erste Teil „American McGees Alice“ mit einem Code, der sogar bis 2020 gültig ist, bei. Und dies sogar ganz nett in HD. Die Extras im Spiel sind eher begrenzt. Ihr könnt euch zwar die Monster und Déjà-Vus sowie Mitwirkende ansehen, doch wirklich fesselnd ist das nicht. Nett, aber das war’s auch schon.
Fazit
Das Spiel ist als Fortsetzung des ersten Teils sehr gut gelungen. Wer gerne und viel kämpft, zwischendrin auch noch kleine Rätsel lösen möchte, auf schwarzen Humor steht und sich vor allem an schöner Grafik kaum satt sehen kann, der ist hier goldrichtig. Wer allerdings auf Action, viel Abwechslung steht und für den ein Multiplayer absolut undenkbar ist, der wird Alice: Madness Returns nicht noch einmal durchspielen. Das Spiel bietet viele Möglichkeiten, und bindet einen zwar für Stunden, doch wirklichen Wiederspielwert besitzt es leider nicht. Die 45 Euro, die das Spiel noch kostet, kann man aber investieren. Immerhin erhält man als nette Beigabe den ersten Teil der Reihe mit dazu. Und wer Alice: Madness Returns zockt, der will auch in die Ereignisse von vor 11 Jahren verwickelt werden, will verstehen, wie sich ein so düsteres Wunderland aufbaut und will sich vor allem davon überzeugen, dass Alice im Wunderland eben nicht das kleine blonde Mädchen ist, dass sich nicht zu helfen weiß und auf rauchende Raupen angewiesen ist, sondern genauso blutrünstig sein kann.
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