Wer vor einigen Jahren die Frage nach der ultimativen Fußballsimulation auf Konsolen stellte bekam zumeist nur eine Antwort: Pro Evolution Soccer! Doch seit dem man mit dem für viele Fans noch heute unerreichten PES6 auf der Überholspur an Genrekonkurrent FIFA vorbeizog, kam der Motor bei Konamis Vorzeigeprodukt mächtig ins Stottern.
Die schärfste Kritik kam hierbei nicht einmal aus dem Lager der Kritiker, sondern von den PES-Anhänger selbst. Kein Fortschritt in der Grafik und ein zu arkadelastiges Gameplay machten dem einstigen Branchenprimus schwer zu schaffen. Mit Pro Evolution Soccer 2010 erscheint nun laut Konami das „beste Pro Evo aller Zeiten“ und das zu einem Zeitpunkt an dem die Konkurrenz mit FIFA 10 die Messlatte wieder einmal ein ordentliches Stück nach Oben gelegt hat. Wie auch EA Sports hat man sich hierbei Feedback aus dem eigenen Fanlager geholt und somit ein Spiel für die Fans geschaffen.
„Was macht denn der Ballack auf meiner 360?“
Vor allem auf die graphische Gestaltung der neuen PES-Version haben die Jungs um Mastermind Seabass ihr Augenmerk in diesem Jahr gelegt. Hinter dem Feature „Player Likenesses“ verbirgt sich nicht nur eine entstaubte Engine, die mit einem komplett neu gestalteten Lichtsystem realistische Schatteneffekte auf den Platz zaubert, sondern auch wesentlich detailliertere Spielergesichtern. Und so sehen Ballack, Rooney und Co. ihren realen Vorbildern nicht nur ähnlich, sondern sind von weitem fast kaum noch zu unterscheiden. Apropos Ballack: erstmals läuft die deutsche Nationalmannschaft in Pro Evolution Soccer mit Originallizenz auf.
Bei den Lichteffekten schießt Konami allerdings etwas über das Ziel hinaus. Denn auch wenn einfallende Strahlen und malerische Sonnenuntergänge viel zum guten Aussehen des Spiels beitragen, so wirken sie doch manchmal ein wenig zu dick aufgetragen und eher wie in einem Rollenspiel denn in einer Fußballsimulation.
Von den angepriesenen Neuerungen in Sachen Stadionatmosphäre ist leider nichts zu sehen. Zwar hat man den Detailgrad der Zuschauer ein wenig angepasst und den virtuellen Greenkeeper auf den arg gebeutelten Rasen geschickt, die Stimmung im Stadion ist aber nach wie vor trostlos. Die Stadien sehen immer noch aus wie in PES 6, die Zuschauer schwenken weder Fahnen, noch machen sie sonst irgendwelchen Anstand um Atmosphäre zu erzeugen und die Auswahl der Spielorte bietet ebenfalls nur wenige Highlights architektonischer Baukunst.
Auch in Sachen Sound konnte man leider nicht nachlegen. Das Kommentatorenduo Fuss/Küpper ist zwar im regulären TV-Einsatz mit das Beste was Deutschland an Sportmoderatoren zu bieten hat, kann aber auf der Konsole nicht ganz überzeugen. Das liegt vor allem an den veralteten Kommentaren, die teilweise bereits seit PES 5 die Spielsituationen der Mannschaften begleiten. Auch die Fans kommen nicht an die Konkurrenz aus dem Hause EA heran und beten verhalten minutenlang die immer gleichen Anfeuerungsrufe hinunter. Positiv zu nennen ist jedoch die gut ausgewählt, wenn auch nicht immer ganz aktuelle Menümusik, die diesmal auch bekanntere Bands enthält.
„Was die Konkurrenz kann…“
Einer der sehnlichsten Wünsche der PES-Community war das Verlangen nach einer neuen 360°-Steuerung, die das alte Acht-Wege-System ablösen sollte. Merkte man in der Demo noch nichts von dieser auch bei FIFA 10 neu eingeführten Kontrollmethode, so spielt sich das Spiel in der finalen Version doch wesentlich flüssiger. Von einer komplett stufenlosen Steuerung der Protagonisten wie in EA Sports Fußballsimulation scheint man allerdings noch weit entfernt zu sein, denn im Sprint fällt das Spiel wieder in alte Steuerungsmuster zurück und erlaubt kaum komplette Kontrolle über den ausgewählten Kicker.
Dafür besann man sich bei PES Productions wieder auf die alten Gameplay-Stärken der Serie. Das Passen geht nun wieder so schön flüssig von der Hand wie in den guten alten Anfängen der PES-Ära. Auch die ohnehin schon grandiose Ballphysik wurde noch einmal überarbeitet. Neu sind auch die taktischen Schieberegler, mit denen man die Ausrichtung der eigenen Mannschaft punktuell bestimmen kann. So ist es nun möglich taktische Faktoren wie Pressing, Raumaufteilung, Kompaktheit und vieles mehr so einzustellen, wie es die eigene Spielweise erfordert. Dies gibt einem vor allem gute Ansatzpunkte, um die persönlichen Schwächen gekonnt analysieren und abstellen zu können.
Zudem wurden in PES 2010 die alten Spezialsterne der einzelnen Kicker entfernt und durch neue sogenannte Taktik-Karten ersetzt. Hierbei enthält jede dem Kicker zugeordnete Karte Spezialattribute, Fähigkeiten oder sogar Tricks, die auch aus dem Spiel heraus angewandt werden können.
Neu ist auch die Möglichkeit den eigenen Torwart während des Spiels manuell steuern zu können. Es braucht jedoch einiges an Übung, um mit der Zeit gekonnte Paraden präsentieren zu können, kann sich jedoch vor allem wegen der eher mittelmäßigen Torwart-KI lohnen. Der virtuelle Keeper lässt nämlich gut und gerne 80% aller Bälle abprallen und auch so manch harmloser Schuss gleitet ihm ab und an durch die Finger. In anderen Situationen fischt er dann wieder geradezu unhaltbare Bälle aus dem Winkel und bringt jeden gestandenen Stürmer zur absoluten Verzweifelung.
„(Fast) ganz Europa gibt sich die Ehre“
Nach ihrem mittelmäßigen Debüt im letzten Jahr ist auch die UEFA Champions League wieder als Spielmodus in PES 2010 vertreten, entpuppt sich aber auch dieses Jahr wieder als kleine Mogelpackung. Zwar bekommt man im Spiel die offizielle Hymne, ein hübsches Design und entsprechende Scoreboards zu sehen, das komplette Teilnehmerfeld ist jedoch wieder nicht vertreten. Und so darf man weiterhin gegen North East London anstatt gegen Arsenal um den Gruppensieg kämpfen, was der ansonsten gute Präsentation des Wettbewerbs wieder einen herben Dämpfer verpasst.
Auch die neue UEFA Europa League, vormals UEFA Cup, ist nun im Spiel vertreten. Allerdings fehlt auch hier ein Großteil der Teams. Wer sich auf die deutschen Teilnehmer Hamburg, Berlin und Bremen freut, der wird auch hier enttäuscht. Zudem lässt sich die Europa League nicht einzeln spielen, sondern ist nur über Become a Legend und die Meisterliga spielbar.
„Being Abramowitsch“
Das Herzstück von Pro Evo wurde dieses Jahr komplett runderneuert. Ein übersichtliches Menü führt euch nun in die verschiedenen Bereiche des Vereinsmanagement, welches nun erstmals mit echten Währungen vonstatten geht. Mit virtuellen Euro will aber diesmal nicht nur eure erste Mannschaft, sondern auch ein neu hinzugekommenes Jugendteam finanziert werden. Dort könnt ihr junge Spieler aufbauen, beobachten und hinterher bei Bedarf in die Stammelf befördern.
Ein neues Budgetsystem sorgt zudem für mehr Realismus und Parallelen zum Profifußball. So könnte ihr nun Ausgaben für Trainer, Physiotherapeut, Arzt, Geschäftsführer, Scout, Fanabteilung und Jugendmannschaft selbst bestimmen und mit der Höhe der Ausgaben verschiedene Zusatzboni wie Trainingspunkte, reduzierte Verletzungsanfälligkeit oder Fitnesssteigerungen freischalten. Aber vorsicht, wer wie der FC Schalke mit Geldern um sich schmeißt, der wird mit einem Ausverkauf an Spielern oder seiner Entlassung rechnen müssen.
„It’s a long way to the top“
Bis auf die Grafik kaum verändert hat sich der Become a Legend-Modus. Noch immer müsst ihr euch über Trainingsspiele in den A-Kader hocharbeiten und kommt nur mit guten Leistungen in die erste Elf. Doch selbst wenn ihr es auf die Bank schafft kann es sein, dass der Trainer euch 90 Minuten schmoren lässt und ihr euch das komplette Spiel als Zuschauern ansehen dürft.
Online hat Konami jedoch alle Erwartungen erfüllt. War in den vergangenen Jahren ein geregeltes Online-Spiel durch Lags und Teleports kaum möglich, so hat man sich dort eines Besseren besonnen und dieses Jahr einen bisher sehr flüssigen Mehrspielermodus geschaffen, der das Spiel auch auf dem eSports Markt wesentlich interessanter machen dürfte.
Fazit:
Konami hat es geschafft mit Pro Evolution Soccer 2010 wieder einen großen Schritt nach Vorne zu machen. Die neu gestaltete Grafik, die Andeutungen einer 360°-Steuerung und der positive Rückschritt in Richtung altem Gameplay treibt PES-Anhängern die Freudentränen in die Augen. Auch die überarbeitete Meisterliga sorgt für neue Langzeitmotivation und fesselt vor den Bildschirm. Taktikkarten und Regler machen das Game zudem noch individueller spielbar. Viele altbekannte Schwächen, die vor allem die Atmosphäre betreffen, konnte man jedoch nicht ausmerzen. Stadionstimmung will nicht gerade aufkommen, Lizenzen der Bundesligateams und aller Mannschaften der Champions- und Europa League sucht man weiterhin vergeblich und auch der Sound in den Arenen präsentiert sich nicht Erstligareif.
Alles in allem präsentiert Konami eine sehr gute, taktisch geprägte Fußballsimulation, die zwar den Anschluss an die Spitze herstellen kann, es aber durch atmosphärische Schwächen und fehlende Lizenzen nicht ganz schafft den Thron zurückzuerobern.
+ Grafik
+ Ballphysik
+ Chamions- und Europa League
+ 360° Steuerung
+ verbesserte Meisterliga
+ Gameplay „back to the roots“
+ taktische Schieberegler
+ endlich gut spielbarer Onlinemodus
- Stadien trostlos
- Torhüter zu unausgewogen
- Veralteter Kommentar
- Lizenz-Mogelpackung
- Sound nicht erstligareif
- Europa League nicht einzeln spielbar
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