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Alice: Madness Returns

Autor: Henry Lai - MadD4mon
Streetdate: 16.06.2011
Gametyp: Horrorspiel
Entwickler: Spicy Horse
Publisher: Electronic Arts
Leser: 3218

So hatte sich Lewis Carol Alice bestimmt nicht gedacht, als er vor langer Zeit ihren ersten Trip ins geheimnisvolle Wunderland ersonnen hat. Alice Liddel, seine wohl berühmteste Romanfigur, verkommt in American McGees neuestem Action-Adventure wieder einmal zur düsteren und wahnsinnigen Gothic-Braut mit den großen, smaragdgrünen Augen. Alice: Madness Returns interpretiert das Wunderland radikal um, verwandelt friedliche Teekannen in blutrünstige Roboter und niedliche Häschen in viel weniger niedliche Monster. Das Konzept ist nicht neu, denn bereits vor mehr als einem Jahrzehnt wurde in American McGees Alice aus dem bunten Wunderland ein Mörderland. Lohnt sich ein erneuter Trip in diese surrealistische Spielehölle?

Der Wahnsinn wartet an jeder Ecke

Wieder einmal findet sich Alice Liddel im Wunderland wieder. Doch wo sind die von Carol beschriebenen üppigen Wiesen, im Wind wehenden Bäume? Wo die Kaninchen, die Käfer, die liebenswürdigen Kreaturen? Fort, weggeweht von Alices Wahnsinn. Denn das Wunderland existiert nur in ihrer Fantasie - und die wurde grausam verdreht, als Alice mit ansehen musste, wie ein Feuer das Haus ihrer Eltern verschlungen hat. Das Ergebnis ist, dass auch im Wunderland nichts mehr so ist, wie es vorher war. Die Freunde aus den Büchern sind nunmehr verrückte Schatten ihrer Selbst, aus der lebendigen Flora und Fauna wurde ein lebensbedrohliches Ökosystem. Im Vorgänger des Spiels, American McGees Alice, konntet ihr bereits einen Trip in das neue Wunderland wagen und Alice dabei helfen, ihren alten Zufluchtsort vor dem Untergang zu retten. Jetzt, elf Jahre später, ruft es erneut nach ihr - und damit auch nach euch.

Schon die Introsequenz, in der der Wahnsinn der Heldin mit Hilfe von vergilbten Papierfiguren dargestellt wird, hat es in sich und ist nichts für schwache Nerven. Bereits hier wird klar: Das Spiel ist nichts für Kinder, es richtet sich ganz klar an erwachsene Spieler. In Blut und Schleim aufgehende Hasenköpfe? Eklige Tentakel, die nach dem jungen Mädchen greifen? Angstschreie? Jep, das volle Programm. Alice: Madness Returns kommt schnell zur Sache und schafft es auch während des ganzen Spiels eine gewisse innere Anspannung aufrechtzuerhalten. Das ist nicht nur dem abgefahrenen Artstyle zu verdanken, sondern auch den verrückten Charakteren. Und das sind alte Bekannte, neu interpretiert: Der verrückte Hutmacher ist nun noch verrückter, der Zimmermann mörderischer. Nur die geheimnisvolle Grinsekatze ist so mysteriös wie immer. Seltsam ist es jedoch, dass ausgerechnet Alice selbst am blassesten dargestellt wird. Weder das Skript noch ihre Sprecherin vermitteln einen Hauch von Wahnsinn, so dass gerade die Hauptfigur eher eine Nebenrolle einnimmt. Irgendwie ironisch.

Das leblose Zuhause

Bevor ihr allerdings das erste Mal in das Wunderland abtaucht, findet ihr euch in Dr. Bumbys Therapiestuhl wieder. Der behandelt Alice nämlich seit den Vorfällen des Vorgängers und schickt euch zunächst auf einen kleinen Botengang, um Medikamente zu holen. Tretet ihr aus der Tür heraus, findet ihr euch in einer viktorianisch angehauchten Stadt wieder. Auf den von Fachwerkhäusern gesäumten Straßen flanieren Arbeiter, Bettler, Gauner, Prostitutierte. Und ihr seid mittendrin. Allerdings verbringt ihr nur wenige Minuten in dieser Zwischenwelt, die als Rahmengeschichte und Rückzugsort zwischen den umfangreichen Kapiteln dient. Das ist aber ganz gut so, denn viel zu entdecken gibt es bei genauerem Hinsehen nicht. Wände versperren den Weg in interessante Seitengassen und die NPCs stehen zwar in Gruppen herum, reden aber nicht mit euch. Geheimnisse werden woanders gelüftet und interessant wird es nur dann, wenn ihr dem Pfad folgt, den die Entwickler euch vorgeben. Der mündet meistens in einer Zwischensequenz, nach der ihr in das nächste Kapitel des Spiels katapultiert werdet.

Röcke sind zum Fliegen da

In insgesamt sechs ziemlich umfangreichen Kapiteln jagt ihr dem gruseligen Geisterzug hinterher, der eine Spur der Verwüstung durch das Wunderland zieht und entdeckt dabei immer mehr über Alices Vergangenheit. Die Levels an sich könnten unterschiedlicher gar nicht sein und sind ohne Frage das Glanzstück des gesamten Spiels. Jede Welt bietet eine heutzutage selten gewordene Masse an Kreativität und neuen Ideen, dass es eine wahre Freude ist, mit eurer Heldin durch das ganze Areal zu springen. Wer sich an dem immer gleichen Braun und Grau vergleichbarer Spiele sattgesehen hat, dessen Augen bekommen Alice: Madness Returns ein Entspannungsbad. In einem Level tummelt ihr euch zunächst auf Eisschollen, bevor es euch schließlich nach einem kleinen Sidescrolling-Minispiel unter die Wasseroberfläche befördert. Dort besucht ihr eine Unterwasser-Stadt und ein abstruses Theaterstück. Ihr trefft schauspielerende Walrosse, singende Fische und tanzende Austern. Ideenlosigkeit müssen sich die Entwickler von Spicy Horse gewiss nicht vorwerfen lassen. Und das ist noch nicht einmal das Ende der Fahnenstange. In einem anderen Level etwa ist außer einer einzelnen Spielkarte weit und breit keine andere Plattform in Sicht. Erst wenn ihr einige zaghafte Schritte lauft, fliegen immer mehr Karten wie von Geisterhand gesteuert her und bilden Plattformen.

Überhaupt scheinen die Levels nur aus Plattformen zu bestehen. Einen Löwenanteil der Spielzeit verbringt ihr springend, von einem sicheren Halt unter den Füßen zum nächsten. Dabei kann Alice in der Luft einmal um ihre eigene Achse wirbeln, um noch einmal Schwung aufzunehmen und noch ein kleines Stück höher zu hüpfen. Ihre magischen Kräfte verhelfen ihr außerdem zu einem Schwebflug, der sie über weite Strecken tragen kann. Und reicht es immer noch nicht, helfen noch Luftströme und Trampolinpilze bei der Fortbewegung. So bewegt sich Alice wie ein Floh durch die Levels, springt und fliegt und erkundet auf diese Weise das gesamte Areal.

Kleine Schlüssellöcher, auf die ihr häufig trefft, verbergen außerdem Geheimnisse und Schätze. Um an sie ranzukommen, ist allerdings nicht mehr als ein kleiner Druck auf LB erforderlich. Denn dann schrumpft sich Alice auf Zwergengröße ein und kriecht durch die kleine Öffnung. Wenn sie geschrumpft ist, verfügt sie außerdem über die Schrumpfsicht, die noch weitere Geheimnisse wie etwa versteckte Plattformen aufzeigt. Allzu schwierig sind die Verstecke aber nicht zu finden, denn fast alles säumt den linearen Weg durch das Level. Vor allem wenn ihr schon einige Stunden im Spiel verbracht habt, fällt auf, dass sich die Spielelemente immer wieder wiederholen. Dass die einzelnen Kapitel an sich schon sehr langatmig sind, trübt das Spielgeschehen noch weiter. Nach gefühlt Tausend Sprüngen in derselben Umgebung, von denen einige sicherlich auch daneben gehen, hat wohl auch der hartgesottenste Jump'n'Run-Fan keine Lust mehr. Zur Abwechslung haben die Entwickler deshalb einige Minispiele eingebaut, wie etwa eine Side-Scrolling-Sektion, ein Schieberätsel oder ein Rhythmus-Spielchen. Die sind zwar nett gemeint, aber brechen den Spielverlauf nur unzureichend auf.

Mit Steckenpferd, Teekessel und Hasenhut

Der andere große Teil von Alice: Madness Returns sind die vielen Kämpfe, die die Hüpfparade durch das Wunderland unterbrechen. War Alice im originalen Märchen noch ein braves und nicht gerade wehrhaftes Mädchen, greift sie heute auf eine Vielzahl todbringender, wenn auch seltsamer Utensilien zurück. Neben der legendären Vorpal-Klinge, die schon den gefürchteten Jabberwocky niedergestreckt hat, fuchtelt die junge Dame mit einem Steckenpferd als Vorschlaghammer-Verschnitt, einem Artillerie-Teekessel sowie Zeitzünder-Hasenbomben herum. Als Sparringspartner begegnen euch auf dem Weg durch die Kapitel zunächst die pechschwarzen Verfall-Monster in allen Größen und Formen, später dann auch noch die GeschIrren, die mit Teebesteck auf euch losgehen. Im weiteren Spielverlauf bekommt ihr es noch Kartensoldaten, Schraubenwespen, wild gewordenen Teekesseln und einigem mehr zu tun. Auch beim Gegner-Design hat die Kreativität der Entwickler scheinbar nicht nachgelassen.

Die Kämpfe sind in ihrer Allgemeinheit ziemlich kurzweilig, weil sie schnell und leicht von der Hand gehen. Jeder Knopf ist einer Waffe zugewiesen, nur mittels der A-Taste spannt Alice ihren schützenden Regenschirm vor sich, um sich vor Projektlien zu schützen. Teleportieren kann sie auch, dazu verpufft sie einfach in einen Schwarm Schmetterlinge und materialisiert sich einige Meter weiter wieder. Die Kombination der verschiedenen Waffen und ihrer Defensiv-Fähigkeiten macht definitiv Spaß, doch nach einigen Stunden lässt die Faszination stark nach. Vor allem deswegen, weil die einzelnen Kapitel teilweise ziemliche Längen haben. Das heißt, dass ihr weit mehr als eine Stunde immer wieder denselben Gegnern die Rübe einschlagt, was auch beim cleversten Design auf Dauer dröge wird. Überhaupt scheint Alice: Madness Returns mit Längen so seine Probleme zu haben.

Grafischer Wahnsinn

Optisch gesehen gibt Alice: Madness Returns passenderweise ziemlich schizophren. Auf der einen Seite überzeugt der abgefahrene Grafikstil auf der ganzen Linie. Monotone Umgebungen oder durchgängig gerade Linien sucht ihr in dem Spiel vergebens. Außerdem sei noch einmal erwähnt, dass jede Welt ihren ganz eigenen Charme versprüht und sich absolut nicht mit der Welt davor vergleichen lässt. Den Punkt für Kreativität, den können sich American McGee und Spicy Horse abholen. Zeitgleich gibt es aber eine deftige Ohrfeige für die miese Präsentation. Zwar werkelt unter der Oberfläche die Unreal Engine 3, doch davon merkt ihr im Spiel nichts. Matschige Texturen, unsichtbare Wände und dazugehörige Clipping-Fehler, längere Ladezeiten und etwas hölzerne Animationen sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Stellenweise sieht das Spiel richtig hässlich aus. Es ist sehr bedauerlich, dass Alice: Madness Returns technisch nicht so hochwertig ist wie andere Genre-Vertreter. Ansonsten hätte es sich eine weitaus höhere Wertung schnappen können.

Akustisch spielt das Spiel auf einem guten Mittelmaß. Die Soundeffekte sind durchaus annehmbar, ihnen fehlt es aber irgendwie an Kraft. Die Hintergrundmusik unterstützt die Level-Atmosphäre sehr gut, hält sich aber bewusst im Hintergrund, um die Bilder sprechen zu lassen. Apropos Sprechen: Die meisten Sprecher machen ihren Job recht gut, Ausnahmen gibt es natürlich immer. Leider gehört auch Alices Sprecherin dazu, die ihrer Figur ruhig mehr Verrücktheit hätte verleihen können.

Fazit

Grundsätzlich hat uns Alice: Madness Return ziemlich gut gefallen. Den Grafikstil gibt es nicht alle Tage zu sehen und ist daher eine sehr willkommene Abwechslung im übrigen Einheitsbrei. Die Neuinterpretation des Ursprungsmaterials ist bereits vor elf Jahren gut bei Kritikern und Spielern angekommen. Dass American McGee seine Linie beibehalten hat, ist daher ein logischer Schritt. Es macht Spaß die aus dem Buch bekannten Charaktere in neuer Form zu begegnen und sie zu bekämpfen. Was nicht so gut geklappt hat, ist die Sache mit den Längen. Zwar ist es nie schlecht, ein langes und umfangreiches Spiel zu präsentieren. Aber auf die richtige Art. Sechs Kapitel bei einer Spielzeit von über 13 Stunden sind schon arg viel. Klar, dass sich die Levels ziehen müssen. Das wirkt sich aber negativ auf die Motivation der Spieler aus. Nach unzähligen Sprüngen und den immer gleichen Kämpfen ist es irgendwann auch mal wieder gut. Dazu kommt noch, dass Alices Technik viel zu veraltet ist. Derart schlechte Texturqualität darf 2011 einfach nicht mehr sein. Hier wurde ein ansonsten wunderhübsches Spiel mit zu wenig technischen Anstrengungen arg verunstaltet und ein großer Haufen Potenzial verspielt.

"Der zweite Trip ins Wahnsinns-Wunderland kann sich mit dem ersten Teil vergleichen, aber leider auch grafisch"


Pro:
  • Abgefahrener Grafikstil
  • Neuinterpretation des Alice-Stoffs
  • Kurzweilige Kämpfe
  • Einfache Steuerung
  • Sehr umfangreich
  • Herrlich verrückte Charaktere
  • Sehr unterschiedliche Welten
  • Original-Version als Download mit dabei

Kontra:
  • Technisch veraltet
  • Einzelne Kapitel zu lang und abwechslungsarm
  • Alices Sprecherin macht nicht viel her
  • Kämpfe auf Dauer zu monoton

Einzelspieler: 7.9
Mehrspieler: -
Xbox Live: -
Steuerung: 8.0
Grafik: 7.3
Sound: 7.5
Sprache: Deutsch
Bildschirmtexte: Deutsch
Zensur: nicht notwendig
Spielzeit ca. in Stunden: + 13
Geeignet für: Anfänger bis Profis
Altersfreigabe: Ab 16 Jahren

Gesamtbewertung
7.7


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