Die Untoten wandeln wieder. Nach eurem Erlebnisurlaub auf Dead Island geht es prompt weiter in die nächste Zombiehochburg. Capcom veröffentlicht mit Dead Rising 2: Off the Record einen weiteren Teil seines erfolgreichen Franchise und zeigt gleichzeitig, wie viel Macht die Fangemeinde der Serie besitzt. Denn nachdem der erste Teil vor allem wegen seines coolen Hauptcharakters Frank West Berühmtheit erlangte, hagelte es im Nachfolger Kritik für die größtenteils blasse Figur des Chuck Greene. "Nichts leichter als das", sagten sich die Entwickler und bringen nicht einmal ein Jahr später West auf die Mattscheibe zurück. Was Off the Record bis auf einen neuen Hauptdarsteller noch an Neuerungen zu bieten hat und ob der Titel seine knapp 40€ wert ist, erfahrt ihr in unserem Testbericht.
Déjà-vu des Todes
Fortune City, die Stadt, die niemals schläft. Inmitten von Kasinos, großen Shoppingzentren und Freizeitparks sitzt ihr in eurem Appartment. Im Fernseher verfolgt ihr gerade die gute alte Zeit, als ihr noch Erfolg hattet und als der „Zombiekiller“ Frank West in aller Munde wart. Doch was ist nur aus euch geworden? Die eigene TV-Show? Abgesetzt. Das Geld? Verprasst. Nicht einmal euer gutes Aussehen ist euch geblieben. Mit Waschbärbauch und Geheimratsecken wirkt ihr in eurem Anzug eher wie ein gealterter Gigolo, denn wie ein waschechter Womanizer. Doch nun scheint eure Zeit gekommen, die große Bühne des Showbiz wieder zu betreten. Die Show Terror is Reality, in der Wagemutige in brutalen Wettkämpfen gegen eingefangene Zombies antreten, soll eure große Chance auf ein Comeback werden.
Es kommt jedoch alles anders, als ihr es euch vorgestellt habt. Nach der Sendung erschüttert eine Explosion das Gebäude. Die zuvor unter Kontrolle gehaltenen Untoten bewegen sich auf einmal frei in den Hallen umher, töten alles, was sich bewegt und vermehren das mutierende Virus in der gesamten Stadt. Eure Zeit ist gekommen, endlich wieder Geschichte zu schreiben. Mit eurer Kamera und eurem journalistischen Spürsinn ausgestattet, verfolgt ihr nur zwei Ziele: Den Ausbruch zu überleben und die Hintergründe der Seuche aufzudecken, um endlich wieder im Rampenlicht zu stehen.
Schnitzeljagd durch Fortune City
Bevor ihr euch in die mit Zombies überfluteten Straßen von Fortune City aufmacht, dürft ihr mit Frank West, dem Antihelden des ersten Teils, erst einmal ein paar Infizierte in der TIR-Gameshow abschlachten. Dort führt euch das Spiel an die Steuerung und die unterschiedliche Anwendung von Waffen heran. Nach dieser kleinen Einleitung kommt es auch schon zum Ausbruch der nach Fleisch hungernden Meute, sodass sich Frank mit anderen Überlebenden gerade noch so in einen Schutzbunker retten kann. Hier trefft ihr auf Stacy, eine Aktivistin für Zombierechte, die mit euch den Ausbruch der lebenden Toten untersuchen möchte. Ihr erfahrt zudem, dass das Militär in drei Tagen in der Stadt eintreffen und die gesamte Horde ausradieren wird. Bis dahin braucht ihr Antworten, um Stacys und eurer Karriere willen.
Dead Rising 2: Off the Record gliedert sich wie die beiden Vorgänger in sogenannte Cases, die ihr in der frei erkundbaren Stadt Fortune City innerhalb eines 72-Stunden Zeitfensters lösen müsst. So bekommt ihr von den Charakteren des Titels zu bestimmten Zeitpunkten Missionen vorgegeben, die es in vorgegebenen Minutenlimits zu absolvieren gilt. Da West selbst das Virus in sich trägt, benötigt er alle 24 Stunden das Serum Zombrex, um sich nicht selbst in ein Monster zu verwandeln. So besteht beispielsweise eure erste Aufgabe darin, euch dieses Pharmazeutikum zu beschaffen. Fall um Fall klärt ihr so die Umstände des mysteriösen Ausbruchs auf und müsst hierbei eine Reporterin um Hilfe ersuchen, belastende Beweise finden oder Überlebende retten. Der Weg, den ihr dabei in der offenen Welt einschlagt, ist euch vollkommen selbst überlassen. Macht ihr euch auf dem kürzesten Wege auf zum Fortune City Hotel oder leistet ihr euch noch einen kurzen Abstecher in das Americana Kasino, um eine volltrunkene Tänzerin vor dem sicheren Tode zu bewahren?
Trotz der bewegungstechnischen Freiheit laufen alle eure Aufgaben nach dem gleichen Schema ab. Wartet darauf, dass ihr einen Job aufs Auge gedrückt bekommt, metzelt euch durch Horden von Zombies durch die halbe Stadt, sammelt Gegenstände ein oder sprecht mit Charakteren und kehrt dann wieder zum Bunker zurück. Die gut gemachte Story wird in den eingestreuten Zwischensequenzen zwar spannend erzählt, deren Ablauf gestaltet sich allerdings weniger abwechslungsreich. Denn mehr als euch von A nach B durch Zombies zu prügeln hat auch der neueste Serienableger nicht zu bieten.
Brutales Fotoshooting
Für Fans der Dead Rising Spiele steht allerdings auch eher das Abschlachten von Untoten im Vordergrund. Und damit geizt Off the Record nun wahrlich nicht. Die schlurfenden Gegnerhorden bevölkern zu Hunderten gleichzeitig den Bildschirm und treiben in nahezu jeder Ecke der Stadt ihr Unwesen. Jeder Gegenstand, der euch während des Geschehens ins Auge fällt, lässt sich dabei als Waffe gegen die Plage nutzen. Mit der B-Taste hebt ihr einen Gegenstand auf, während Frank durch das Betätigen der X-Taste auf die Gegner eindrischt. Egal ob Pappaufsteller, Baseballschläger, Kleiderbügel, Besen, Handtaschen, Einkaufswagen, Rollstühle, Feuerlöscher oder Registrierkassen, nichts ist euch als Waffe zu schade, um die schlurfenden Bestien aufzuhalten.
Für jeden erledigten Feind kassiert ihr Prestige Punkte, welche euch in Leveln aufsteigen lassen und eure Fähigkeiten verbessern. Habt ihr genug Prestige gesammelt, lassen sich sogenannte Combo Cards freischalten. Diese Karten erhalten Anleitungen, um mehrere Gegenstände zu mächtigen Waffen in den zahlreichen Wartungsräumen der Stadt zu kombinieren. Ihr habt einen Baseballschläger und einen Haufen Nägel in der Tasche? Dann bastelt euch daraus eine Art Morgenstern. Ein Plastikhütchen und ein Dosenspray ergeben eine Tröte, die die Köpfe eurer Gegner zum Explodieren bringen wird. Doch nicht nur eure Kombowaffen haben es in sich. So lässt sich im Kasino beispielsweise ein Schwert ausfindig machen, mit dem ihr durch die Zombies fahrt wie durch Butter. Blut, abgetrennte Körperteile und tiefe Einsichten in die Anatomie eurer Widersacher sind hier inklusive.
Was wäre ein investigativer Journalist ohne seine Kamera? Auch Mr. West geht ohne Objektiv nicht vor die Tür. Mit gleichzeitig gedrücktem linken Trigger und dem rechten Bumper schnappt ihr euch euer treues Gerät und nehmt die Zombies durch die Linse ins Visier. Für jedes Foto erhaltet ihr Prestigepunkte, die in verschiedenen Kategorien vergeben werden. Unterschieden werden die Thematiken Erotik, Horror, Outtake, Drama und Brutalität. Schießt ihr beispielsweise ein Bild mit Hunderten von Zombies, erhaltet ihr für jeden von Ihnen Punkte in der Kategorie Horror. Von euch zerteilte Feinde fallen unter den Begriff Brutalität, währen fotografierte Ausschnitte von hübschen Damen der Erotik zugeordnet werden. Zudem könnt ihr in bestimmten Sequenzen die Kamera zücken, um NPC's abzulichten, die storyrelevante Aktionen durchführen. Dann weist euch eine kurze Darstellung der Abkürzung PP darauf hin, dass es auch hier Prestigepunkte abzuräumen gibt.
Der Schwierigkeitsgrad im neuesten Dead Rising Ableger ist gut ausbalanciert und stellt euch auch in schwierigen Situationen nie vor unlösbare Aufgaben. Allerdings solltet ihr die Zombiemeute nie unterschätzen. Gerade durch ihre schiere Anzahl könnt ihr bei geringer Gesundheit und von 30 Zombies umzingelt schnell das Zeitliche segnen. Die hakelige Steuerung trägt ihr Übriges dazu bei, da sich Frank nicht immer präzise und reaktionsschnell durch Fortune City manövrieren lässt. Um Frust zu vermeiden, empfiehlt sich ein regelmäßiges Speichern des Spielstandes auf einem der zahlreichen stillen Örtchen der Stadt. Diese sind auf der Karte markiert und jederzeit zugänglich.
Frank in seinem Element
Grafisch besteht kaum ein Unterschied zum zweiten Teil von Dead Rising. Zwar läuft das Spielgeschehen auch mit Hunderten von Zombies auf dem Bildschirm sehr flüssig ab. Texturen und Modelle leiden darunter allerdings merklich. Gegenstände wirken bereits aus mittlerer Entfernung pixelig und verwaschen. Sowohl die Figuren der Gegner als auch die der Charaktere sind nicht immer hochgradig detailliert modelliert und können mit führenden Xbox 360 Spielen nur bedingt mithalten.
Bei der Gestaltung der unterschiedlichen Schauplätze hat man sich im Hause Capcom allerdings große Mühe gegeben. Ob Kasinos mit zahlreichen Spielautomaten und Pokertischen, Schnellrestaurants, Sport- und Freizeitgeschäften oder Plattenläden, die Bandbreite an verschiedenen Locations ist hoch gehalten und zudem realistisch ausgestattet.
Richtig atmosphärisch wird es aber erst dank der Soundkulisse. Hier wurde bei den Entwicklern mit viel Liebe zum Detail gearbeitet, sodass ihr Registrierkassen bimmeln, Automaten in Kasinos klimpern und Fahrstuhlmusik in den Fluren der Einkaufszentren ertönen hört. Zwischensequenzen mit viel Action werden von passenden rockigen Klängen untermalt. Auch die Leistung der Synchronsprecher kann überzeugen. Der Titel lebt vom Witz und Charme der Stimme des Frank West. Die zahlreichen zynischen Bemerkungen und Pointen werden gut transportiert. Dankenswerterweise hat Capcom auf eine deutsche Synchronisation verzichtet, sodass ihr alle Dialoge im englischen Original genießen dürft.
Kooperatives Zombieschlachten
Auch in Dead Rising 2: Off the Record dürft ihr wieder mit einem Freund auf die Jagd nach Untoten gehen. Zum einen lässt sich über den Menüpunkt Xbox LIVE ein Partner für die kooperative Zombiehatz finden, zum anderen könnt ihr im Menü jederzeit über eure Freundesliste mit Kumpels in die Schlacht ziehen. Einer von euch übernimmt die Rolle von Frank West, der andere die von Chuck Greene. So steigert ihr nicht nur eure Überlebenschancen in Fortune City, sondern gleichzeitig auch den Spaßfaktor. Zu zweit die Stadt zu entdecken und sich an der untoten Horde zu vergehen macht nämlich doppelt so viel Spaß. Gesammelte Gegenstände und Getränke lassen sich zudem jederzeit zwischen euren beiden Charakteren austauschen.
Ebenfalls mit dabei ist der sogenannte Sandbox Modus. Hier könnt ihr mit Frank ohne Zeitlimit das komplette Areal der Metropole unsicher machen. Über das Gebiet verteilt finden sich Herausforderungen, für deren Bestehen ihr mit massig Erfahrung und Geld belohnt werdet. So müsst ihr beispielsweise in einem vorgeschriebenen Zeitlimit so viele Zombies wie möglich zur Strecke bringen, um an die verdiente Kohle zu kommen. Hierbei gibt es mit Gold, Silber und Bronze drei gesteckte Ziele, deren Erreichen natürlich jeweils mit mehr oder weniger Kohle belohnt wird.
Fanwunsch oder Abzocke?
Doch bei all dem Zombiespaß wird das Spiel vor allem die Geister der Spieler scheiden. Denn Dead Rising 2: Off the Record bietet bis auf seinen kultigen Hauptcharakter und einige neue Areale keine wirklichen Unterschiede zum offiziellen zweiten Serienableger. Daher muss sich Capcom die Frage gefallen lassen, ob es nicht auch ein günstiger DLC oder einfach ein komplett neu konzeptionierter dritter Teil getan hätten. So wirkt Off the Record wie eine einzige große Fehlerkorrektur, um den eher ungeliebten Hauptdarsteller Chuck Greene aus dem Verkehr zu ziehen und die Fans zu besänftigen. Die Story und der Großteil von Fortune City sind recycled und wurden nur bedingt verändert. Auch Grafik und Steuerung kommen ohne Innovationen daher. Der Produktionsaufwand wird sich daher in Grenzen gehalten haben und angesichts des immer noch stolzen Preises kann Capcom dank Franks treuer Fans wohl mit massig Gewinn rechnen. Mode sollte dieser beängstigende Trend aus teuren Kartenpaketen, DLC-Orgien und aufgebauschten Nachfolgern von Nachfolgern allerdings nicht werden, der sich gerade in der Branche verfestigt.
Dead Rising 2: Off the Record ist der zweite Teil, den sich die Fans immer gewünscht haben. Antiheld Frank West teilt aus und klopft Sprüche wie kein Zweiter. Auch die Story und die Dialoge profitieren vom in die Jahre gekommenen Möchtegern-Macho. Die zahlreichen Zombies, das Basteln von Waffen mittels Combo Cards und die offene Welt der Stadt Fortune City runden die positiven Aspekte von Capcoms Zombie-Spektakel ab. Doch nicht nur die Stärken, auch die Schwächen des zweiten Teils haben die Entwickler eins zu eins übernommen. Grafisch ist Franks Überlebenskampf nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit und auch die Steuerung zeigt sich immer noch so hakelig wie vor einem Jahr. Zudem lässt der immer gleiche Missionsaufbau kaum Spannung oder Motivation für die Story aufkommen. Hinzu kommt, dass das Setting und ein Großteil des Geländes einfach aus dem zweiten Teil übernommen wurden. Dass Hauptcharakter West die einzig großartige Veränderung ist, gibt dem Titel den Touch einer Fehlerkorrektur. Ein besseres Add-on als eigenständiges Spiel für 40€ zu verkaufen wird bei einige von euch nicht sonderlich für Begeisterung sorgen. Dead Rising 2: Off the Record lohnt sich daher nur für beinharte Fans von Frank West oder für diejenigen, die den zweiten Teil noch nicht erworben haben. Besitzer der Chuck Greene-Version können auf den Kauf bedenkenlos verzichten.
"Bessere Erweiterung mit Starreporter Frank West."