Herr der Ring und kein Ende. Auch Jahre nach dem furiosen Finale der Kino-Trilogie sind die Abenteuer von Frodo, Aragorn und Gandalf noch in aller Munde. Vor allem jedoch, wenn man wie Warner Brothers eine teure Filmlizenz besitzt, die man zu Geld machen kann. Also beauftragten die Studios kurzerhand die Entwickler von Snowblind mit der Programmierung eines Action-Rollenspiels im Tolkien-Universum. Das Ergebnis, Der Krieg im Norden, ist nun diesen Monat für die Xbox 360 erschienen. Doch kann der Titel auch überzeugen oder erwartet euch wieder einmal ein durchschnittlicher Lizenztitel? Wir haben reichlich Orks in Mittelerde niedergemetzelt, um es für euch herauszufinden.
Eine neue Gemeinschaft entsteht
Es brechen düstere Zeiten über Mittelerde herein. Ein Schatten regt sich in Mordor und der dunkle Herrscher Sauron ist zurückgekehrt, um Menschen, Elben und Zwerge zu versklaven. Allein der bislang verloren geglaubte Ring der Macht steht noch zwischen Sauron und dem totalen Triumph. Auf ihrer Reise durch den Norden Mittelerdes entdecken der Waldläufer Eldaran, die Elbin Andriel und der Zwerg Farin, dass sich der Hexenmeister von Angmar persönlich in das Auenland aufgemacht hat, um dort den einen Ring zu finden und eine Allianz mit bösen Mächten zu schmieden. Gemeinsam beschließen die drei Gefährten, als Speerspitze des Nordens zu agieren und den dunklen Kreaturen Einhalt zu gebieten, um Saurons Pläne zu durchkreuzen und sein allsehendes Auge vom Auenland abzulenken. Nun ist es eure Aufgabe, das Schicksal der neu geschmiedeten Gemeinschaft zu übernehmen und euch Orks, Goblins und schwarzen Reitern in den Weg zu stellen. Die freien Völker Mittelerdes zählen auf euch.
Tanzende Ponys und klirrende Schwerter
Euer Abenteuer mit den drei Gefährten startet im beschaulichen Bree, genauer gesagt im bekannten Gasthaus zum tänzelnden Pony. Dort könnt ihr nicht nur zu eurem ersten Abenteuer aufbrechen, sondern auch mit einigen wenigen anwesenden Charakteren sprechen, um zusätzliche Aufträge anzunehmen. Nicht nur die Gespräche, sondern auch die Sidequests können nicht motivieren und enttäuschen durch banale Standardmissionen. So sollt ihr in Bree beispielsweise einem über beide Ohren verknallten Jungen bei seinem Liebeskummer helfen. Angesichts der langatmigen Dialoge und dem drohenden Schatten Mordors werdet ihr schnell die „Ich habe für sowas keine Zeit!“-Option aus dem Sprachmenü auswählen.
Zusammen mit Farin, Andriel und Eldaran stürmt ihr danach von einer Ruine Mittelerdes in die nächste, um die Aufmerksamkeit des dunklen Herrschers auf eure Gemeinschaft zu lenken. Zu dritt arbeitet ihr euch von Abschnitt zu Abschnitt vor und trefft auf massig Gegnerhorden, durch die ihr euch hindurchschnetzeln müsst. Habt ihr einen Bereich von den anstürmenden Biestern befreit, sammelt ihr eure Freunde, um zum nächsten Teil des Gebiets vorzurücken. Dort warten, ihr habt es erraten, wieder Welle um Welle an Feinden auf euch. Mehr als bloßes Abschlachten von Orks, Goblins und sonstigen fiesen Kreaturen hat Der Krieg im Norden nicht zu bieten. Hier und dort dürft ihr einmal einen Schalter umlegen oder eine große Kriegsmaschinerie außer Kraft setzen. Ansonsten unterscheiden sich die jeweiligen Gebiete nur dadurch, dass ihr auf wenige Gegner, viele Bösewichter, große Widersacher oder viele große Fieslinge trefft. Auf viel Abwechslung im Spielverlauf werdet ihr nicht stoßen.
Nicht einmal die Geschichte kann motivieren. Zwar trefft ihr bekannte Charaktere aus den Büchern und Filmen, die euch viel Wissenswertes über Mittelerde berichten können. Diese wirken aber ansonsten blass und haben keinen aktiven Part in der Story. Gerade mit einer Filmlizenz im Rücken werdet ihr euch die Frage stellen, warum Aragorn und Co. weder den realen Darstellern nachempfunden, noch von ihnen synchronisiert wurden. So ist das Einzige, was euch an die Filme erinnern wird, der Schriftzug auf der Verpackung. Episches Flair mag da nicht aufkommen.
Schlachten, Schlachten, Schlachten
Gesteuert werden die ungleichen Drei mit dem linken Analogstick. Der X-Button dient dazu, eure jeweilige Waffe zu führen und darf von euch während des Spiels auf Materialtauglichkeit geprüft werden. Denn aufgrund der Gegnermassen werdet ihr mit dem Ausführen von Hieben kaum nachkommen und den Knopf dementsprechend oft niederhämmern. Die Y-Taste führt einen schweren Angriff aus. Sind eure Feinde angeschlagen, erscheint ein gelbes Dreieck über ihren Köpfen. Betätigt ihr nun Y, so könnt ihr diese mit Y zerteilen und somit zusätzliche Erfahrungspunkte sammeln.
Nach einem Levelaufstieg dürft ihr die Eigenschaften eures Charakters verbessern und ihn zusätzlich in einer von drei Spezialfähigkeiten ausbilden. Das Aufleveln der Attribute ändert jedoch nichts am behäbigen Gameplay in den Kämpfen. Bis Farin und Co. ihre Waffen erst einmal geschwungen haben, waren die Fieslinge Mordors meist schon schneller. Auch Komboattacken führen die Gefährten aus, als ob sie bereits auf die verdiente Heldenrente zugehen würden. Gerade in einem Spielprinzip, was auf endlose Massenschlachten und Buttonmashing ausgelegt ist, hätten wir uns flinke, abwechslungsreiche und grazile Manöver wie beispielsweise in Dragon Age II gewünscht.
Wer nun denkt, eure Widersacher würden dies zu ihrem Vorteil nutzen, der irrt. Saurons Schergen stellen auch in der Quantität keine Herausforderung für erfahrene Actionspieler dar. Die KI der Monster verhält sich nicht intelligent und arbeitet nach dem ständig gleichen Muster. So kommt es in einem Gebiet beispielsweise vor, dass die Orks in den jeweils gleichen Zeitabständen aus dem Loch einer Mauer strömen. Alles, was ihr tun müsst, ist euren Bogen anlegen, vor das Loch zielen und feuern. Zählt bis zwei, feuert und ihr trefft den nächsten Ork, dann wieder bis zwei zählen, feuern, Treffer. Dieses Spiel wiederholt sich zwanzig Mal, und wenn ihr bis dahin eure Xbox 360 immer noch nicht ausgeschaltet habt, dann werdet ihr auch noch den Rest der Odyssee überstehen. Zu der wenig fordernden KI gesellt sich zudem der Umstand, dass die Entwickler jeglichen Anflug von geistiger Anstrengung im Keim ersticken. Kommt ihr nämlich in Situationen, in denen ihr mit ein wenig Hirnschmalz taktisch klug eure Spezialfähigkeiten korrekt anwenden müsst, bekommt ihr prompt von euren Helden vorgekaut, welche Fertigkeit es nun einzusetzen gilt. So geht auch das letzte Fünkchen an Anspruch schnell im Pfeilhagel unter.
Emotionslose Gemeinschaft
Dafür kommt die Engine gut mit den zahlreichen sich auf dem Bildschirm tummelnden Feinden zurecht. Auch die Umgebungen und die zu bereisenden Städte sind ordentlich modelliert und versprühen das bekannte Filmflair. Hier können die Figuren eurer Gefährten nicht mithalten. Die Gesichter der Akteure wirken gefühlslos und sind auch in den Dialogen ohne jeglichen Ausdruck. Zudem kommen die Texturen der Charaktere und Umgebungen verwaschen und unansehnlich daher. Auch die Animationen des Titels können nicht überzeugen. Eure Gemeinschaft schwingen steif ihre Schwerter und bleiben dank einer nicht optimalen Kollisionsabfrage an Gegenständen oder Gebäuden hängen. Ärgerlich ist dies vor allem, wenn eure Gefährten sich euch in den Weg stellen und ihr so in engen Passagen nicht an diesen vorbei kommt. Herr der Ringe-Atmosphäre mag dadurch kaum aufkommen.
Hier kann zumindest der Soundtrack Pluspunkte sammeln. Die orchestralen Themen erzeugen Spannung und untermalen das Schlachtgetümmel stets passend. Bekannte Klänge aus den Filmen werdet ihr allerdings nicht so oft vernehmen. Auch auf die aus dem Kino bekannten Sprecher müsst ihr verzichten. Einige der Synchronsprecher werden euch trotzdem bekannt vorkommen, passen sich jedoch leider der gefühlslosen Leistung der Gesichtsanimationen an. Die Redner schaffen es leider nicht, den steifen Charakteren Leben einzuhauchen.
Im Koop kommt Freude auf
Wo die computergesteuerten Mitspieler ihren Dienst verweigern, dürft ihr das Herr der Ringe-Erlebnis mit Freunden aufbessern. Bis zu drei Akteure insgesamt dürfen sich vor dem Fernseher kooperativ versammeln und die Abenteuer von Farin, Eldaran und Andriel gemeinsam erleben. Auch über Xbox LIVE lassen sich Mitspieler auf der ganzen Welt für eine Orkjagd in Mittelerde suchen. Dies hilft euch vor allem hier weiter, wo euch eure computergesteuerten Gefährten im Weg standen oder keinen Gebrauch von ihren Spezialfähigkeiten machten. Zwar gestaltet sich die Suche nach Unterstützung noch etwas zäh, wer von euch aber ein bisschen Geduld mitbringt, der wird zeitnah ein paar passende Gefolgsleute finden.
Als Herr der Ringe-Fans blutet uns schon fast das Herz angesichts dieser lieblosen Umsetzung dieses Action-Rollenspiels. Zwar erfahren alle Tolkienfanatiker unter euch zahlreiche wissenswerte Informationen über Mittelerde und auch einige der bekannten Buchcharaktere werdet ihr auf eurer Reise treffen. Doch in Sachen Gameplay hat das Spiel außer einem bloßen Buttonmashing-Prinzip nicht viel zu bieten. Welle um Welle an wenig fordernden Gegnerhorden müsst ihr mit unmotivierten und trägen Schwertschlägen oder Zaubern niederstrecken, ehe ihr nach einigen Minuten zum nächsten Abschnitt der immer gleichen Schlacht weitertraben dürft. Auch die Story um die drei farb- und emotionslosen Charaktere erreicht an keinem Punkt die epische Tiefe, die eines Herr der Ringe-Titels würdig ist. Die simpel konstruierten Nebenmissionen und die langatmigen, inhaltslosen Dialoge verpassen der Langzeitmotivation den Todesstoß. Einzig der Koop-Modus kann zusammen mit Freunden überzeugen und euch zumindest ein paar unterhaltsame Stunden vor dem Fernseher bescheren. Wer auf stupides Hack-n-Slay steht, der kann den Titel zumindest einmal antesten. Anspruchsvollere Action-Rollenspieler greifen hingegen lieber zu Dragon Age II oder Dantes Inferno. In puncto Spielbarkeit und Story sollten sich selbst beinharte Herr der Ringe-Fans einen Kauf lieber zweimal überlegen.
„Brachiale Action, die jedoch dem großen Namen nicht gerecht wird.“