
Front Mission Evolved
Autor:
Sandra Friedrichs
-
anormaldisaster
Streetdate:
08.10.2010
Gametyp:
Ego-Shooter
Entwickler:
Double Helix Games
Publisher:
Square Enix
Leser:
2031
Es gab mal eine Zeit, da waren Mechs so etwas wie der Inbegriff von Coolness. Die AT-AT und AT-ST-Kampfläufer aus Star Wars genossen Kultstatus, Kinder auf der ganzen Welt spielten begeistert mit den Transformers-Actionfiguren und das zockende Volk verehrte die Mechwarrior-Reihe und Titel wie Shattered Steel oder Shogo. Ja, das waren die 80er und 90er. Im Jahre 2010 bleiben davon höchstens noch die Transformers übrig, ansonsten gelten Mechs bestenfalls als Nischenprodukte. Aber vielleicht kann Front Mission Evolved den stapfenden Blechriesen zu neuem Ruhm verhelfen?Witzbold wider Willen Im ersten Moment mochten wir beinahe an die Wiederauferstehung der Metallmonster glauben. Im Intro gibt Front Mission Evolved ordentlich Gas. Krachende Explosionen stimmen auf ein Actionfeuerwerk der Güteklasse A ein. Die Ernüchterung folgt aber allzu bald. Zum einen tragen die kolossalen Kampfläufer den schwer ernst zu nehmenden Namen Wanzer, zum anderen hört die unfreiwillige Komik da noch nicht auf. In den Zwischensequenzen und Dialogen wird unglaublich dick aufgetragen, obwohl die Handlung eigentlich nur banale 08/15-Kost bietet. Dadurch bewegen sich die Figuren am Rande der Lächerlichkeit. Dabei begann alles so vielversprechend: Das New York des Jahres 2171 fällt einem Überraschungsangriff zum Opfer. Der Mechaniker Dylan Ramsey befindet sich währenddessen auf einem nahegelegenen Testgelände und probiert den Prototypen eines neuen Wanzers aus. Dieser Testlauf dient zugleich als Tutorial, um euch die Steuerung zu vermitteln. Anschließend erfährt der Held in spe vom Angriff auf die Metropole und hopst direkt los ins Gefecht. Was im ersten Moment etwas unglaubwürdig klingt, gewinnt an Sinn, sobald sich Dylans wahre Beweggründe offenbaren: Der Vater des Protagonisten befindet sich noch in der Stadt.Drama, Baby! Die Verteidigung der Stadt und Rettung des gefährdeten Vaters stellt den Ersten von insgesamt fünf Akten der Geschichte dar. Zum Ende dieses Auftakts werdet ihr Zeuge der Ermordung eures virtuellen Daddys und tretet anschließend einem Armeebataillon bei, um diesen Gewaltakt zu rächen. Der grausame Angriff auf das futuristische New York provoziert eine Gegenoffensive und mündet so in einen offenen Krieg, an dem sich auch noch weitere Parteien beteiligen. Statt ordentlich charakterisierter und ausgearbeiteter Feindbilder schicken die Entwickler dabei abstrakte Staatenbünde in die Schlacht, die allesamt witzlose Abkürzungen wie U.C.S., O.C.U. oder D.H.Z. tragen. Durch die einfallslose Namensgebung fällt es in den wortreichen und inhaltsarmen Dialogen unnötig schwer, dem Kriegsverlauf zu folgen. Dadurch entwickelt sich leider auch überhaupt kein Zugehörigkeitsgefühl.
Den letzten Funken Emotion löschen schließlich die Zwischensequenzen. Die Charaktere triefen vor Klischees und sehen nicht gerade überragend aus. Wo die Entwickler zumindest einigen Aufwand in die Umsetzung der hübschen und offensichtlich in den Helden verknallten Mechanikerin steckten, da überzeugt besagter Heroe selbst kein wenig. Der Krieger wider Willen besitzt die beiden Gesichtsausdrücke „Jetzt bin ich aber voll sauer“ und „Jetzt blick ich gar nichts mehr“, die manchmal auf die Situation passen, meistens aber eher nicht. Außerdem strahlt dieser Ben Affleck für Arme den von der Handlung diktierten Rachedurst und Kampfeswillen in etwa so sehr aus wie ein Pudel oder ein Huhn oder irgendetwas noch viel Harmloseres. Ihr versteht, worauf wir hinaus wollen: Das passt alles nicht so recht zusammen.Frisch aus dem Altmetallcontainer Nun liegt der Fokus im Action-Genre nicht unbedingt auf anspruchsvolle oder glaubwürdige Geschichten. Da kann Bruce Willis im Kino als Chef einer Bohrinsel die Welt vor Megasteroiden retten und in der Spielebranche wird ein dämlicher, frauenverachtender Macho mit Uralt-Sprüchen auch nach 14 Jahren Entwicklungszeit wie der Messias gefeiert. Solange es nur ordentlich rummst und kracht, ist das Warum bestenfalls zweitrangig. Nun explodiert in Front Mission Evolved bei Leibe genug, um diesem Anspruch Rechnung zu tragen. Immerhin lenkt ihr eine tonnenschwere Kampfmaschine inklusive Raketenwerfern und Miniguns. Die Killerroboter wirken sogar recht ordentlich, während um sie herum im Sekundentakt Dinge zu Bruch oder in Flammen aufgehen. Dazwischen offenbaren sich jedoch reichliche Schwächen.
Die Umgebungen sehen detailarm und oftmals gleichförmig aus. Das Ganze wirkt seelenlos und so lebendig wie ein Stück Blech. Zudem bleibt die Spielwelt entweder starr oder reagiert unglaubwürdig. Autos und Bäume explodieren oder zerfallen bei Beschuss oder Kontakt immer gleich. Armeezelte fliegen so spektakulär in die Luft, wenn ein Wanzer hindurchläuft, als hätte jemand die Zelt- durch Dynamitstangen ausgetauscht. Häuser und Kisten halten dagegen jeder offensive Stand. Das zerstört gnadenlos die Illusion von den mächtigen Kampfmaschinen, die alles zerstören können. Schließlich sind sie nicht einmal in der Lage, eine jämmerliche Holzhütte einzureißen.Kommando Wegtreten Wenigstens wisst ihr bei Front Mission Evolved von Beginn an, woran ihr seid. Hier gilt eben Action statt Anspruch. Das Wichtigste sind dabei die Waffen, über die euer Kampfkoloss verfügt. Auf den Schultern sitzen Raketenwerfer, die ihr per LB und RB abfeuert. Falls ihr zielsuchende Geschosse einsetzt, bleibt ihr kurz auf dem Knopf, um den Gegner anzupeilen und lasst dann los, um die Sprengkörper auf die Reise zu schicken. Mit den beiden Triggern wiederum steuert ihr die rechte beziehungsweise linke Hand. Dort lassen sich Maschinengewehre, Schrotflinten, Scharfschützengewehre und sogar Nahkampfwaffen und Schutzschilde installieren. Per Stick lenkt ihr euren Wanzer, mit A hüpft ihr und per Druck auf X vollführt ihr ein Ausweichmanöver. Y löst die EDGE-Funktion aus, eine Art Bullettime-Zeitlupe, und per B düst euer Roboter auf seinen Skatetriebwerken los. Das eignet sich perfekt, um aus dem Gefahrenbereich zu entkommen oder Schwung für einen verstärkten Nahkampfangriff aufzunehmen. Die Tastenbelegung ist logisch, die Steuerung funktioniert insgesamt gut.Anspruch abgelehnt, euer Ehren Nun lässt sich anhand der vergleichsweise simplen Steuerung schon erkennen, dass Front Mission Evolved nicht gerade das Musterkind in puncto Tiefgang darstellt. Dafür gibt es zum Glück einen vermeintlich simplen Ausweg, den beispielsweise die Call of Duty-Reihe erfolgreich vor lebt. Wer in Sachen Spieltiefe in seichten Gewässern verkehrt, der hält eben zumindest das Drumherum und die Aufmachung abwechslungsreich. Gesagt, getan. Die Entwickler schicken euch an Einsatzziele rund um den Globus. Arktische Eisberge, bewaldete Südseeinseln, dicht bebaute Städte oder düstere Laborkomplexe. Ihr kommt ganz schön herum als Wanzerfahrer. Einziges Problem: Alle Schauplätze sind gleichermaßen öde, detailarm und leblos.
Auch dem Spielgeschehen mangelt es an Abwechslung. Grundsätzlich wechselt das Spiel von stumpfem Geballer zu noch stumpferem Geballer. Das klappt in anderen Shootern ganz gut, da der Aufstieg vom kleinen Infanteristen zu größeren Kalibern kurzzeitig begeistert. Da ihr in Front Mission Evolved aber sowieso schon einen haushohen, übermächtigen Geschützturm kontrolliert, fehlt diesen Moorhuhnabschnitten der Reiz. Doch damit nicht genug, die Entwickler haben noch einen Geistesblitz in petto. Hin und wieder krabbelt euer Held nämlich aus seinem Cockpit und macht sich zu Fuß auf den Weg. Der daraus resultierende Third-Person-Shooter mit Deckungssystem verfügt dank langweiliger Spielmechanik, noch öderen Levels und dämlicher KI über genau einen Vorteil: Man freut sich danach umso mehr auf die besseren Mech-Abschnitte.
Ein paar seltene Lichtblicke gibt es dann aber doch, wenn ihr beispielsweise unter Zeitdruck zwischen einstürzenden Bauten hindurch aus der Stadt flieht. Da fragen wir uns eigentlich bloß: Warum nicht mehr davon?Rüstige alte Schachtel Wovon es hingegen mehr als genug gibt, sind Upgrademöglichkeiten. Unter anderem aufgrund der unübersichtlichen Menüs mag sich hier zwar nicht die Motivation eines echten Levelsystems einstellen, aber zumindest sorgt das Aufrüsten für etwas mehr Spieltiefe. Für Abschüsse, erledigte Missionsziele und eingesammelte Objekte gibt es Credits, die ihr in bessere Roboterteile investiert. Dabei darf das Gewicht eures Kampfkolosses aber nicht die produzierte Energie übersteigen. So gilt es, eine Balance zu finden, zwischen Feuerkraft, Rüstung und Mobilität. Denn was bringen die beiden heftigsten Raketenwerfer auf den Schultern, wenn anschließend nicht genug Energie für eine Nahkampfwaffe übrig bleibt? An solche Details solltet ihr denken, denn gegnerische Wanzer reagieren ganz unterschiedlich. Einige verstecken sich hinter Deckungen und feuern lieber aus der Ferne, während andere Kontrahenten euren Attacken ausweichen und sich wildentschlossen in den Nahkampf stürzen.
Eure Teamkameraden können da leider nicht ganz mithalten. Die angebliche Spezialeinheit gibt sich bemerkenswert ungefährlich, sodass ihr die meisten Feinde selbst ausschalten müsst. Kleine Highlights bieten dabei die Bosskämpfe, die euch einiges abverlangen. Hier müsst ihr taktisch vorgehen, konzentriert Attacken ausweichen und auf kurzzeitig entblößte Schwachstellen feuern. Selbst die ansonsten recht überflüssig EDGE Superzeitlupe erweist sich in diesen Abschnitten als nützlich.
Das ändert allerdings nichts an der grundlegenden Problematik von Front Mission Evolved. Dieses Spiel besitzt einfach keine wirklichen Stärken und zu wenig Höhepunkte, um den hohen Kaufpreis und die investierte Zeit zu rechtfertigen. Das gilt sowohl für die recht kurze Einzelspielerkampagne als auch für die innovationsarmen Mehrspielermodi. Diese beschränken sich ebenfalls auf Standardkost à la Team-Deathmatch und fegen damit wahrlich niemanden mehr von den Sitzen.Front Mission Evolved ist eigentlich kein schlechtes Spiel, auch wenn wir in diesem Test eine Menge zu Meckern hatten. Bei all der berechtigten Kritik leistet sich der Titel eigentlich in keiner Disziplin einen Totalausfall. Nur glänzen kann er noch weniger und das wird Front Mission Evolved in diesem Genre zum Verhängnis. Ein Dark Void beispielsweise mag qualitativ schlechter sein, besitzt aber zumindest eigene Ansätze. Wer hingegen auf futuristische Action mit einem Touch Japan steht, der findet in Vanquish oder Lost Planet hoffnungslos überlegene Konkurrenten. Und selbst, wenn es unbedingt stumpfes Rumgeballer mit Kampfrobotern sein muss, dann gibt es da immer noch Transformers: War for Cybertron. Statt also auf Biegen und Brechen die westlichen Kernzielgruppen anzusprechen und dabei nur einen weiteren belanglosen Allerweltsshooter herauszubringen, sollte sich Square Enix auf die Elemente konzentrieren, die Front Mission einst groß gemacht haben: Anspruchsvolle, gut umgesetzte Rundenstrategie.
„Banal und belanglos, dieser stumpfe Shooter lockt nicht mal echte Mech-Fans hinterm Ofen hervor.“
Pro:
- Action en Masse
- Viele Upgrademöglichkeiten
- Individualisierung der Wanzer
- Ordentlicher Mehrspielermodus
- Unterschiedliche Verhaltensweisen der Feinde
- Anspruchsvolle, taktische Bosskämpfe
- Abwechslungsreiche Schauplätze
- Zu-Fuß- und Geschütz-Einlagen
Kontra:
- Spielerisch recht anspruchslos und eintönig
- Infanterieabschnitte schwach umgesetzt
- Altbackene Technik
- Leblose Umgebungen, kaum Interaktion möglich
- Nicht vorhandene Spielphysik
- Emotionslose Präsentation
- Spannungsarme Handlung mit lächerlichen Charakteren
- Aufrüstmenü etwas unkomfortabel zu bedienen
- Schlechte Spielbalance: Leichte Missionen enden in ungleich heftigeren Endgegnern
- Unfähige Mitstreiter
Einzelspieler:
6.8
Mehrspieler:
-
Xbox Live:
7.1
Steuerung:
6.2
Grafik:
6.3
Sound:
6.5
Sprache:
Englisch
Bildschirmtexte:
Deutsch
Zensur:
nicht notwendig
Spielzeit ca. in Stunden: +
6
Geeignet für:
Profis und Hardcore Gamer
Altersfreigabe:
Ab 12 Jahren
Gesamtbewertung
6.8
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