Mit Rugby World Cup 2011 sollten die Fans des Ledereis passend zur diesjährigen Weltmeisterschaft bereits voll auf ihre Kosten kommen. Leider konnte der Außenseiter unter den Sportspielen in unserem Test nur eine mittelmäßige Wertung von 5.5 erzielen. Nun macht sich ein weiteres Entwicklerteam daran, den hierzulande eher stiefmütterlich behandelten Sport auf der Xbox 360 populär zu machen. Mit Jonah Lomu hat man dabei nicht nur ein bekanntes Zugpferd aus dem Rugby am Start, sondern möchte durch sein Wissen und das mit ihm durchgeführte Motion Capturing den nötigen Realismus ins Spiel bringen. Ob uns Jonah Lomu Rugby Challenge durch sein Gameplay und die unterschiedlichen Spielmodi begeistern konnte, oder wir euch lieber zu anderen Ballsportarten raten, erfahrt ihr in unserem Testbericht.
Leichter Einstieg dank Tutorials
Wer sich nur oberflächlich mit dem Thema Rugby beschäftigt oder zufällig einmal ein Spiel im Fernsehen gesehen hat, der wird das Gefühl kennen: Da stehen zig Mann auf dem Platz, die einen komisch geformten Ball kicken, sich hin- und herwerfen oder einfach unter sich begraben. Doch wie funktioniert Rugby eigentlich? Hier lässt euch Rugby Challenge nicht im Dunkeln. Ein optisch hervorragend aufbereitetes Video führt euch in die Grundregeln des Sports ein. Das integrierte Tutorial erklärt euch zudem die Ausführung von Spielzügen sowie Steuerung und Tastenbelegung. So kommen auch Neulinge schnell mit dem eiförmigen Leder zurecht.
Anders als der Lizenztitel Rugby World Cup 2011 bietet euch Jonah Lomu Rugby Challenge eine Fülle an abwechslungsreichen Spielmodi. Diese können zwar in ihrem Umfang nicht ganz mit den top Sporttiteln von EA Sports, Konami oder 2K Sports mithalten, sind für einen Rugby-Ableger aber aller Ehren wert. Neben schnellen Matches bieten euch die Entwickler die Möglichkeit, zahlreiche Wettbewerbe auszutragen. Egal ob ihr das Tri Nations, den World Cup oder das Euro Rugby Club Championship bestreiten wollt, sämtliche namenhaften Turniere sind hier vertreten.
Interessant wird es für die Rugby-Fans unter euch im Karriere Modus, in dem ihr ein Team aus einer Liga rund um den Globus über 13 Saisons zu Ruhm und Ehre führen dürft. Hierbei wurden zahlreiche lizenzierte Teams in das Spiel integriert, unter anderem die Mannschaften der RaboDirect PRO12, die sich aus walisischen, schottischen, italienischen und irischen Vereinen zusammensetzen. Auch einige der Nationalmannschaften haben ihre realen Pendants spendiert bekommen. So sind die All Blacks aus Neuseeland ebenso am Start, wie die Wallabies aus Australien. Besonderer Clou für alle Fans der Neuseeländer: Die Jungs von der Insel führen vor jedem Match ihren berühmten Haka durch, eine Art kraftvoller Tanz, der den Gegner einschüchtern soll. Insgesamt dürft ihr mit 93 verschiedenen Teams in 31 unterschiedlichen Stadien auflaufen.
Dynamisch und spannend, wie Rugby sein muss
Jonah Lomu Rugby Challenge verfügt über eine ganze Reihe von Steuerungsmöglichkeiten. Für Matches auf den einfachen Schwierigkeitsgraden kommt ihr mit einigen grundsätzlichen Tastenbelegungen schnell zurecht. Seid ihr in Ballbesitz, so lässt sich euer Spieler mit dem linken Analogstick über das Feld steuern. Mit dem rechten Trigger vollführt ihr einen Sprint, während ihr mit dem linken und rechten Bumper den Ball zur jeweiligen Seite passen könnt. Je länger ihr die Tasten gedrückt haltet, desto weiter wirft euer Akteur das Leder. Der rechte Analogstick dient euch zur Vollführung von Tricks. So lässt sich mit einer schnellen Bewegung von links nach rechts ein Seitenschritt vollführen oder durch das Zurückziehen des Sticks ein Pass antäuschen. In Bedrängnis dürft ihr den Ball mit dem A-Button nach vorne kicken. Die X-Taste führt einen Fieldgoalversuch aus. Seid ihr nicht in Ballbesitz, könnt ihr mit dem B-Knopf durch die einzelnen Spieler schalten und mit A und Y ein Tackling ausführen.
Das Spielgeschehen verläuft sehr dynamisch. Selbst, wenn es durch einen Takedown zur Unterbrechung kommt, lassen sich schnell zusätzliche Spieler hinzuholen, um das Leder wieder ins Spiel zu bringen. Die gegnerische KI schwankt allerdings zwischen Welt- und Kreisklasse. Während ihr in manchen Spielzügen kaum an den menschlichen Kleiderschränken vorbei kommt, lassen euch eure Gegenspieler in anderen Situationen sträflich passieren und so leicht ein Try erzielen. In der Defensive kommt ihr vor lauter Passstafetten kaum hinterher, wobei einmal durchgebrochene Akteure selbst von den schnellsten Verteidigern nicht mehr einzuholen sind. Habt ihr die Spielweise eures virtuellen Gegenübers aber einmal durchschaut, so lassen sich diese Nachteile mit ein wenig Geschick ausgleichen. Leider spielen eure Mannschaftskollegen nicht immer mit. So fliegen manche Pässe einfach ins Leere oder die Jungs lassen bereits sicher geglaubte Bälle doch noch aus der Hand purzeln. Alles in allem Haben die Entwickler von Tru Blu aber eine ordentliche Spielmechanik auf den Platz gezaubert.
Die Kamera befindet sich wie bei Madden 12 hinter euren Akteuren. Ihr schaut also aus der Sicht eures Teams auf das Feld in Richtung der gegnerischen Endzone. Diese Perspektivwahl tut vor allem dem Passsystem gut, da ihr so viel einfach einschätzen könnt, ob nun ein Druck auf RB oder LB zum Erfolg führen wird. Ein schnelles Umdenken erfordert jedoch der plötzliche Perspektivwechsel bei den Turnovern. Kickt ihr beispielsweise den Ball das Feld hinunter und wird dieser dann von der gegnerischen Mannschaft abgefangen, so dreht sich die Kamera einmal um 180 Grad. Hier kann jeder von euch getane Schritt in die falsche Richtung ein gravierender Nachteil sein.
Stimmungsvolle Inszenierung
Grafisch präsentiert sich das Spiel nicht auf dem allerneusten Stand der Technik. Die Animationen der Spieler gestalten sich vor allem im Sprint noch recht hölzern. Dafür sind die Tacklinganimationen hervorragend gelungen. Die Akteure kämpfen verbissen um jeden Zentimeter, reißen sich zu Boden und schaffen es in letzter Sekunde, das Leder zum Mitspieler zu bugsieren. In den lizenzierten Teams verfügen eure Teamkameraden zudem über die Gesichtstexturen ihrer realen Vorbilder. Ansonsten sehen sie bis auf die Hautfarbe und Größe vom Körper her alle gleich aus.
Die 31 verfügbaren Arenen kommen stimmungsvoll inszeniert daher. Es gibt Feuerwerk beim Einlaufen der Teams und Flammenstöße bei absolvierten Trys. Zusätzlich garniert wird das Rugby-Event durch nette Wettereffekte, wie strömende Regenschauer, die auch aktiv die Flugbahn des Balles beeinflussen können. Sämtliche Texturen im Spiel wirken auf die Entfernung zwar recht unscharf, können in der Nahansicht aber überzeugen. Vor allem die Trikots der Athleten, auf denen ihr jede Faser erkennen könnt, sind eine Augenweide.
Ebenfalls als gelungen sind die Menüs zu bezeichnen. Diese werden von düster orchestraler Musik untermalt und zeigen im Hintergrund zahlreiche Actionszenen von Jonah Lomu in Spielegrafik. Schön designte Menüelemente runden den positiven Gesamteindruck ab. Die Kommentatoren können hier leider nicht mithalten. Zu unmotiviert rattern die beiden Herren Grant Nisbett und Justin Marshall ihre Texte herunter. Schade, da die ansonsten mitreißende Atmosphäre des Titels darunter ein wenig leidet.
Acht Freunde sollt ihr sein
Auch eure Freunde dürft ihr tacklen, was das Zeug hält. Vor dem heimischen Fernseher könnt ihr mit insgesamt vier Spielern zusammen oder gegeneinander auf das Feld treten. Via Xbox LIVE steigt die Anzahl der Teilnehmer sogar auf insgesamt acht, sodass ihr jeweils in 4 vs. 4 Matches den besten Rugbyspieler ausmachen könnt. Wer lieber alleine aufläuft, der kann sich mit Gegner aus aller Welt in den Leaderboards messen.
Die Multiplayerpartien liefen allesamt flüssig und ohne Probleme ab. Gerade gegen von Menschenhand gesteuerte Teams macht das Spiel unheimlich Laune. Ihr werdet vor allem in der Offensive mehr gefordert und könnt bei einem erprobten Gegenüber richtig ins Schwitzen kommen. Zwar sind aktuell noch wenige Spieler anzutreffen, vielleicht wird sich aber bei weiterer positiver Resonanz und einer Demo noch der eine oder andere Spieler hinzugesellen. Zu gönnen wäre es dem Titel allemal.
Nach dem doch eher ernüchternden Rugby World Cup 2011 war es uns vor diesem Test angst und bange. Noch so ein Rugby Spiel mit verkorkster Steuerung und geringem Umfang? Mitnichten! Denn mit Jonah Lomu Rugby Challenge ist den Entwicklern von Tru Blu eine faustdicke Überraschung gelungen. Ein schnelles, dynamisches Gameplay, welches der Action des Rugby gerecht wird, lässt eure Fanherzen schnell höher schlagen. Sinnvoll belegte Steuerelemente sorgen dafür, dass euch das Handling eurer Mannen schon nach kurzer Zeit in Mark und Bein übergeht. Die zahlreichen lizenzierten Teams und Wettbewerbe garantieren neben dem Karrieremodus langfristigen Spielspaß. Ein großes Lob verdient das Tutorial, welches euch Schritt für Schritt an Regelwerk und Gameplay heranführt. Leider verhindern der unausgegorene Schwierigkeitsgrad und die nicht ganz zeitgemäße Grafik den Anschluss an die Großen des Sportgenres. Sollten die Entwickler jedoch weiter an einer Serie arbeiten dürfen, könnte schon mit dem nächsten Titel ein Kracher auf alle Rugbyfans warten. Man merkt Rugby Challenge an, dass hier mit Herz für den Sport gearbeitet wurde. Wer von Rugby World Cup 2011 enttäuscht wurde, der wird mit Jonah Lomu Rugby Challenge glücklich werden.
"Überraschend gute Umsetzung des spannenden Rugbysports."