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Need for Speed the Run

Autor: Henry Lai - MadD4mon
Streetdate: 17.11.2011
Gametyp: Rennspiel
Entwickler: Black Box
Publisher: Electronic Arts
Leser: 1644

Wenn es um Need for Speed geht, braucht ihr euch eigentlich nur drei Namen zu merken: Criterion Games, Slightly Mad Studios und EA Black Box. Criterion Games haben der Spielewelt die Burnout-Serie sowie das arcadelastige, aber dennoch großartige Need for Speed Hot Pursuit gebracht. Slightly Mad Studios produzieren die Shift-Reihe, die sich eher für Simulationsfans eignet. Und dann wäre da noch EA Black Box, die sich im Laufe der Jahre einen eher zweifelhaften Ruf zugelegt haben. Pro Street, Undercover und nicht zuletzt auch das eher durchschnittliche Need for Speed World stehen in starkem Kontrast zur renommierten Underground-Serie oder gar dem legendären Most Wanted. Mit Need for Speed The Run schlagen die Kanadier neue Pfade ein. Mit einem Mix aus Actionstreifen und Rennspiel wollen sie ihre Fans wieder von sich überzeugen. Ob das klappt, verrät euch unser Test.

Die erste halbe Stunde

Zunächst ist alles schwarz. Dann blendet das Bild auf, silbrig glitzernde Alufelgen schweben andächtig und großformatig ins Bild. Schnitt auf die blutrote Motorhaube, den Kühlergrill und das ikonische Ross, das die Gallionsfigur der Stuttgarter Autofirma Porsche darstellt. Die geschwungenen Linien der Karosserie und die Eleganz des Sportwagens, der im Scheinwerferlicht glitzert, lassen Autoliebhaberherzen höher schlagen. Der Motorensound dröhnt euch bereits in den Ohren und der Rausch der Geschwindigkeit kribbelt in den Fingern. Wieder Schnitt. Zu sehen ist jetzt ein Männergesicht, es ist Gesicht von Jack. Die Haare sind kurz rasiert, die Augen geschlossen. Unter dem rechten verheilt eine kleine Schnittwunde. The Run lässt euch viel Zeit, euren Hauptcharakter eingängig zu studieren. Bei den Gesichtern hat sich EA Black Box offenbar viel Mühe gegeben, so dass auch die kleinsten Poren zu sehen sind. Dann fährt die Kamera hin zu Jacks Händen. Sie ruhen auf dem Lenkrad des Wagens, mit einem Klebeband festgemacht. Von außen dröhnt es und nur langsam realisiert Jack, in welcher Gefahr er sich befindet. Die Innenwände der Müllpresse rücken immer näher, zerdrücken den Porsche Zentimeter für Zentimeter. Jack rüttelt sich los, zerschlägt die Dachscheibe und klettert unbeholfen aus der Todesfalle. Dabei unterstützt ihr ihn, indem ihr alle paar Sekunden einen Knopf drückt. Ansonsten sitzt ihr nur vor dem Bildschirm und schaut ihm bei seinem Todeskampf zu.

Oder vielleicht schweben über eurem Kopf auch drei große Fragezeichen. Wer ist Jack eigentlich? Wie ist er in der Müllpresse gelandet? Und wer sind die grimmigen Gestalten mit den Waffen und den schwarzen Vans? Egal, sagt ihr euch als ihr das Steuer des weißen Audi übernehmt, in den Jack flüchtet. Das Gaspedal wird durchgedrückt, der Analogstick nach links und rechts gerissen, um den Wagen um die Kurven driften zu lassen und dem Kugelhagel auszuweichen. Hier fällt euch das erste Mal auf, dass die Steuerung ziemlich schwammig zu sein scheint. Das Auto rutscht eher über die Straße, spürbare Bodenhaftung scheint es nicht zu geben. Doch das stört euch zunächst nicht. Die Lichtreflexe auf der nassen Straße und dem Metalliclack des Audis können sich jedenfalls schon einmal sehen lassen. Und auch ansonsten handelt es sich bei The Run um ein recht ansehnliches Spiel. Mit diesen Gedanken rast ihr also in die Nacht hinein, verfolgt von bleifeuernden Handlangern.

Die zweite halbe Stunde

Ein paar Minuten und einige Rennen später haben sich die Fragezeichen über eurem Kopf aufgelöst. Ihr seid also Jack Rourke, ein Rennfahrer mit Schuldenproblemen. Die Kerle in den Vans, das waren eure Gläubiger, die euch lieber tot sehen wollen als euch um das Geld, das ihr ihnen schuldet, zu erleichtern. Aha. Glücklicherweise trefft ihr am selben Abend noch auf eure alte Bekannte Sam, die euch zu einem Rennen quer durch Amerika anmeldet, bei dem es satte 25 Millionen Dollar zu gewinnen gibt. Soso. Und weil ihr ein ganz braver Schoßhund seid und das Geld gut gebrauchen könnt, stellt ihr auch keine Fragen, sondern hüpft schnurstracks in eines von drei wählbaren Autos und düst von San Francisco nach New York. Schon bald merkt ihr, dass die Geschichte ein paar Lücken hat. Vor allem dann, wenn es darum geht, sich spannend zu präsentieren. Jacks Vergangenheit und seine Beziehung zu Sam werden gar nicht beleuchtet. Im Laufe des Spiels trefft ihr auf Rivalen, die Jack offenbar schon von früheren Begegnungen kennen. Interagiert wird aber nicht. Stattdessen sind es leblose Statisten, die ihr nach dem Überholen schon wieder vergessen habt. Selbst der Hauptantagonist bleibt seelenlos. Allein die Tatsache, dass er eine Knarre hat und die anderen nicht, unterscheidet ihn von der Masse. Auch der Rest der Story lässt zu wünschen übrig: Zwar gibt sich EA Black Box mit den zwischen den Rennen geschalteten Quick Time Event-Sequenzen redlich Mühe, die lahme Geschichte zumindest etwas actionreicher zu gestalten. Dafür hätten sie solche Sequenzen aber öfter bringen (sie kommen im Spiel ganz drei Mal vor!) oder sie zumindest länger und packender machen können. So sehen sie allerdings nur wie Beiwerk aus. Dank der lausigen Sprecher sieht es zudem nach schlecht gemachtem Beiwerk aus.

Aber es ist sowieso so eine Sache mit Rennspielen und Hintergrundgeschichten. Selten klappt ihre Verschmelzung, meistens ist sie eigentlich nicht nötig. Denn wenn ihr euren Freunden Geschichten aus The Run erzählt, dann sind es doch bestimmt Geschichten von halsbrecherischen Verfolgungsjagden, die ihr euch mit der Polizei geliefert habt. Oder wie ihr mit einem Porsche mitten durch eine Schneelawine gebrettert oder eisglatte Serpentinen hinunter gerutscht seid. Insgesamt reist in der Kampagne von The Run durch zehn Gebiete – von der sonnigen Westküste, über das Flachland, in die Canyons, über verschneite Berge, Sumpflandschaften und Stadtgebiete. Und das beste: Keine Strecke wiederholt sich und bei jeder neuen Umgebung zeigt die Frostbite 2-Engine ihre Muskeln. Zwar nicht so, wie sie es bei Battlefield 3 getan hat, aber immerhin doch sehr ansehnlich. Zum Angucken ist The Run also ganz gut. Zum Fahren leider weniger.

Die dritte halbe Stunde

Inzwischen sind eineinhalb Stunden seit dem Spielstart vergangen und ihr habt schon einen Großteil der Rennen hinter euch. Ihr befindet euch jetzt vermutlich irgendwo zwischen Las Vegas und Chicago. Und inzwischen dürften euch auch die größten Macken des Spiels aufgefallen sein. Da wäre zum Beispiel die Fahrphysik: Die Autos rutschen auf den Straßen so stark hin und her, als ob sie ständig auf Eis fahren würden. Um einen Lamborghini in eine Kurve zu werfen braucht ihr zwangsläufig die Handbremse, feinfühliges Spielen mit Gas und Bremse ist da nicht drin. Für Puristen mag das vielleicht nostalgische Gefühle wecken, aus moderner Perspektive ist das allerdings eine Katastrophe. Umso unverständlicher, wenn ihr bedenkt, dass die Entwickler vor einigen Jahren das grandiose Most Wanted produziert haben, das spielerisch fast einwandfrei war. Zumindest die KI-Bullen, die euch in einigen Abschnitten verfolgen, scheinen nicht an den Steuerungsproblemen zu leiden und bringen ihre Vans von 120 Meilen innerhalb von zwei Metern zum Stehen und stehen euch dann famos im Weg herum. Die sehr aggressive Gummiband-KI eurer Gegner nervt außerdem extrem.

Das wäre eventuell noch verzeihlich, doch das absolut irrwitzige Rücksetzsystem schießt den Vogel ab. Statt wie bei Forza oder DIRT ein System einzusetzen, bei dem ihr den Wiedereinstiegspunkt selbst auswählen könnt, setzt euch The Run einfach am letzten Kontrollpunkt wieder ab. Der ist aber gerne mal zwei oder drei Kilometer von eurem Standpunkt entfernt. Alle Fortschritte bis dahin gehen verloren und ihr müsst eure Gegner ein weiteres Mal einholen. Nutzwert hat die Funktion also nur selten. Dass The Run euch aber automatisch zurücksetzt, wenn ihr nur einige Meter abseits der Straße unterwegs seid, frustriert nicht nur, sondern ist praktisch ein Schlag ins Gesicht. Stellt euch folgende Situation vor: Ihr schlängelt euch elegant eine Serpentine herunter und seid nur noch wenige Meter vom Führenden entfernt. Jetzt denkt ihr euch: „Mensch, ich bin doch schlau und fahre ein bisschen querfeldein und überhol' die lahme Ente vor mir“. Ätsch, Pech gehabt. Das gefällt The Run nämlich gar nicht und ihr werdet ruckzuck an den letzten Kontrollpunkt zurückversetzt. Ihr wurdet von einem Gegner in die Prärie geschubst? Ab zum letzten Kontrollpunkt.

Die vierte halbe Stunde

Okay, inzwischen habt ihr zwei Stunden Spielzeit hinter euch gebracht und seid von The Run bereits ziemlich frustiert. Doch dafür seid ihr mit der Kampagne schon fast durch. Die Hochhäuser des Big Apple sind bereits in der Ferne zu sehen, genauso wie das Ende der Litanei. Das ist in diesem Moment vielleicht positiv, in einem größeren Blickwinkel betrachtet bereitet es aber Sorgen. Es gibt ja sowieso einen Trend zu immer kürzeren Einzelspielermodi. Doch die nur knapp zwei Stunden lange Reise durch Amerika ist eine absolute Frechheit – umso mehr, weil Electronic Arts trotz der Kürze der Kampagne gerne 50 Euro von euch haben möchte. Zwar gibt es noch Herausforderungen, die ihr bewältigen könnt, um euren Fuhrpark zu vergrößern. Viel machen die aber auch nicht mehr aus.

Die Zugabe

Habt ihr schließlich genug davon, alleine herumzukurven, gibt es noch den Mehrspielermodus. Vorausgesetzt, ihr habt den EA Online Pass. Ansonsten bleibt euch das Vergnügen vorerst verwehrt. Die Onlinemodi sind in Spiellisten aufgeteilt, die den Spielfokus etwa auf spannende Rennen in der Stadt oder durch die Wüsten Nevadas legen. Dabei stellt euch The Run Aufgaben, wie etwa das Überholen von fünf Widersachern innerhalb einer Spielliste. Diese bringen euch dann wiederum Erfahrungspunkte, um Level aufzusteigen, womit ihr Belohnungen wie neue Fahrzeuge und Symbole freischaltet. Dabei gibt es zwischen den Spiellisten immer eine Art Roulette um einen Extrabonus, der nur für die nächste Liste gilt. Also etwa 1000 Erfahrungspunkte mehr oder ein neuer Wagen.

Doch auch hier habt ihr mit der gewöhnungsbedürftigen Fahrweise der Autos zu kämpfen sowie mit ganz neuen Problemen. So steigt ihr beispielsweise mitten in ein laufendes Rennen ein. Die anderen Fahrer dabei noch einzuholen erweist sich deshalb oft als schier unmögliche Aufgabe. Und obwohl es per se keine Rücksetzpunkte gibt, teleportiert euch The Run wieder zurück auf die Straße, wenn ihr zu arg vom Weg abkommt. Und das sogar noch vor der Position, von der ihr gestartet seid. Heißt also konkret: Wenn es für einen Konkurrenten dumm läuft, landet ihr sogar vor ihm, wenn ihr erst einige Sekunden zuvor eine Klippe hinuntergeflogen seid. Der Autolog aus Hot Pursuit, eine Art soziales Netzwerk für Need for Speed, findet übrigens auch in The Run wieder seine Verwendung. Ihr bekommt im Einzelspieler immer die Zeiten eurer Freunde angezeigt und spornt euch somit dazu an, deren Bestzeiten zu brechen.

Fazit

Need for Speed The Run will sowohl ein Film als auch ein Rennspiel sein. Letztlich gelingt dem Spiel beides nur halb. Als Film bietet es zu wenig Handlung. Ein Typ, der illegale Rennen fährt um seinen Arsch vor Geldhaien zu retten? Gähn. Das hatten wir schon tausend Mal. Außerdem sind die Charaktere massiv unterentwickelt und somit verschenkt The Run alles erzählerische Potential, das die eh maue Story bietet. Außerdem kommen die groß angekündigten Quick Time Events viel zu kurz. Kaum mehr als zehn Minuten gibt es überhaupt zu sehen. Die meiste Action wandert in ein, zwei adrenalinreiche Rennen. Bei aller Mühe um eine kinoreife Inszenierung scheint EA Black Box zudem das Spiel vergessen zu haben. Schlingersteuerung, ein idiotisches Rücksetzsystem, extrem aggressive Gummiband-KI sowie eine extrem kurze und unbefriedigende Kampagne erwecken den Eindruck, dass hier der Spielspaß zugunsten der filmischen Umsetzung geopfert wurde. Deutlich wird das bei den Rücksetzpunkten. The Run ist so darauf bedacht seine Linie zu halten, dass ihr schon für den kleinsten Schlenkerer „bestraft“ werdet. Am Ende bleibt ein Produkt, das weder beim Zuschauen noch beim Spielen richtig Spaß macht. Ein fehlgeschlagenes Experiment.

Need for Speed The Run wird von seinen Vorgängern überholt“


Pro:
  • Autolog
  • Ansehnlicher Lizenzfuhrpark
  • Frostbite 2 sorgt für interessante Schauplätze
  • Strecken gleichen sich nicht

Kontra:
  • Sehr schwammige Steuerung
  • Sehr kurze Kampagne (2 Stunden!)
  • Idiotisches Rücksetzsystem
  • Miese Story
  • Schlechte, gelangweilte Sprecher
  • Spielereinbindung bei QTE mangelhaft
  • Unterentwickelte Charaktere
  • Teils seltsame Designentscheidungen
  • Online-Pass für Mehrspieler benötigt

Einzelspieler: 4.6
Mehrspieler: -
Xbox Live: 6.2
Steuerung: 3.8
Grafik: 6.7
Sound: 6.7
Sprache: Deutsch
Bildschirmtexte: Deutsch
Zensur: nicht notwendig
Spielzeit ca. in Stunden: + 5
Geeignet für: Anfänger bis Profis
Altersfreigabe: Ab 12 Jahren

Gesamtbewertung
5.6


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