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NIER


Autor:Sandra Friedrichs - anormaldisaster
Streetdate: 23.04.2010
Gametyp: Rollenspiel
Entwickler: Cavia
Publisher: Square Enix
Hits:2921

NIER könnten wir leicht mit dem heutigen Wetter vergleichen: Grau, melancholisch und unangenehm. Der neuste Rollenspielstreich von Square Enix geht neue Wege und spricht mit seiner untypisch dunklen und sarkastischen Geschichte das Ende der Menschheit an. Dabei nimmt sich das Spiel selbst selten ernst und verblüfft euch mit gewollten, wie auch zahlreich ungewollten Macken.

Ich bin kein Held, sondern nur ein guter Vater
Es scheint nicht gut um die Welt bestellt zu sein. Jedenfalls wenn ihr NIER glaubt. Schon in 39 Jahren (für Rechenmuffel: im Jahr 2049) suchen bösartige Schattenwesen und die sogenannte Runenpest uns heim. Bei dieser meist tödlichen Krankheit verzieren mystische Zeichen (oder auch Runen) den Körper des Erkrankten. Diese Seuche breitet sich rasant aus und trifft auch Yonah, die Tochter unseres Spielhelden Nier. Er versucht mithilfe eines Buches die Pest und die Schatten zu besiegen, aber scheitert - vermutlich.

Nach der Anfangssequenz werdet ihr nämlich ohne jegliche Vorwarnung in die Zukunft geworfen. Seit seinem ersten Versuch die Pest zu besiegen sind über 1000 Jahre vergangen und die Menschen leben in mittelalterlichen Verhältnissen. Doch auch ihre Lebensweise unterscheidet sich grundsätzlich von unserem. Sie leben mit der Angst zusammen, denn die bösartigen Schattenwesen suchen sie immer wieder heim. In mitten dieser neuartigen Welt trefft ihr auf Nier, der sich um seine Yonah kümmert, die an der Runenpest erkrankt ist.

Warum ihr wieder in seine Haut schlüpft, obwohl er schon längst tot sein sollte, müsst ihr alleine heraus finden. Dagegen können wir versprechen, dass euch die Geschichte mit vielen Wendungen überraschen wird. Beispielsweise findet ihr nach kurzer Zeit das weiße Buch, Grimoire Weiss, das euch nicht nur in Kämpfen zur Seite steht, sondern auch neuen Schwung ins Spiel bringt. Schließlich ist er der Schlüssel, die Welt vom Bösen zu erlösen und, für Nier eigentlich viel wichtiger, die Runenpest zu vernichten und damit Yonah zu heilen. Dafür müsst ihr aber das schwarze Buch, Grimoire Noir, finden und es besiegen. Na, nichts wie los ins Abenteuer!


Sarkastische Bücher sind IN
Die Geschichte ist wirklich mal etwas anderes. Es erwartet euch kein gut aussehender Kerl, sondern ein kauziger, in die Jahre gekommener Held, der die Welt eigentlich nur wegen seiner Tochter retten will. Natürlich ist die Rettung der Menschheit keine einfache Sache und Nier braucht dafür ordentlich Unterstützung. Glücklicherweise stehen euch nach kurzer Zeit drei Begleiter zur Seite: die bereits erwähnte Lektüre Grimoire Weiss, die halbnackte Kaine und der schüchterne Emil.


Ein Buch als Begleiter, wie soll das denn gehen? Eventuell habt ihr eure Zweifel, dass solch ein Mitstreiter Schwung ins Spiel bringt. Was kann ein Buch schon machen? Nun, Grimoire Weiss ist natürlich keine normale Lektüre. Beispielweise kann euch der Kumpane mit starken Zaubern zur Hand gehen, auf die wir aber später noch genauer eingehen werden. Darüber hinaus ist das Buch ein ziemlich launischer Gesell und bringt mit seinem Sarkasmus frischen Wind ins Spiel. Müsst ihr mal wieder einen Botengang für irgendeinen x-beliebigen Dorfbewohner machen, gibt er seine typisch gemeinen Sprüche wie „Na, schon wieder der Depp, der sowas erledigen darf?“ oder „Warum zur Hölle machst du das?“ zum Besten. Die gehässige Lektüre und der feinfühlige Nier sind so unterschiedlich wie Feuer und Wasser und geben gerade deswegen das perfekte Team ab.


Ihr wollt kein olles Buch an eure Seite bekommen, sondern eine heiße Blondine? Könnt ihr haben! Die nur in Unterwäsche bekleidete Kaine zieht nicht nur wegen ihres Aussehens viele Blicke auf sich. Als halb Mensch, halb Schatten kann sie anscheinend eh nichts mehr verlieren und kämpft mit Schwert und Magie gegen eure Gegner. Doch eine weitere Auffälligkeit von Kaine ist ihr loses Mundwerk. Sie flucht gerne und oft und kriegt sich mit Grimoire Weiss immer wieder in die Haare beziehungsweise Seiten. Unterhaltsame Dialoge wie „Du verdammtes Luder!“ oder „Halt deinen ********** Mund“ sind keine Seltenheit und bringen sehr viel Spaß ins Spielgeschehen.


Emil, der in einer Art Resident Evil-Villa wohnt, kommt als letzter Begleiter ins Spiel und geht durch seine beiden exzellenten Vorgänger eher unter. Vielleicht setzt er deswegen so eine ernste Miene auf und kann die Monster quasi versteinern?


Kämpfen für Anfänger
Apropos Monster, wie bekämpft ihr diese eigentlich? Unser in die Jahre gekommener Held lässt uns sein Alter in den Kämpfen niemals spüren. Er schnetzelt sich wie in einem typischen Hack ‘n‘ Slay-Spiel mit einem riesigen Schwert oder handlichen Dolch durch die Schattenhorde und braucht für das Besiegen der Kreaturen nur wenige Attacken - eigentlich nur das Zuschlagen. So drückt ihr die ganze Zeit die X-Taste, weicht ab und an den feindlichen Angriffen aus, aber sonst war‘s das schon. Ein bisschen mehr Abwechslung bringt dagegen Grimoire Weiss, dessen Magie ihr mit den zwei oder, je nach Konfiguration, vier Schultertasten einsetzen könnt. Das Buch schaltet im Spielverlauf acht Zauber frei, also müsst ihr euch überlegen, welche Magie ihr auf den Tasten festlegt. Dabei könnte euch vielleicht einmal die „Dunkle Mauer“ sehr recht sein, wodurch ein Schutzschild um euch herum beschwört wird. Oder ihr setzt lieber magische Speere und Explosionen ein, um eure Feinde dem Erdboden gleich zu machen. Unser Lieblingszauber ist übrigens die schwarze Hand, die auf eure Gegner eindrescht und sie ordentlich vermöbelt. Das viele Blut, das euch dann um die Ohren fliegt, wirkt aber viel zu aufgesetzt und hätten sich die Entwickler ruhig sparen können.


Rollenspieltypisch sind dagegen das Aufleveln eurer Waffen und Magie durch Wörter. Diese werden während der Kämpfe freigeschaltet und verbessern diverse Zustände eurer Gegenstände. Leider fehlt die Tiefe dabei, da ihr auch ohne Upgrade-Modus gegen eure Gegner sehr gut stand halten könnt. Vergesst ihr also einmal ein Wort auf eure Waffe anzuwenden, ist es nicht so schlimm. Ihr werdet nämlich den Unterschied kaum spüren, da Nier so oder so wenig einstecken und von vornherein sehr viel austeilen kann. Selbst der Levelaufstieg unseres Helden lässt zu wünschen übrig, da es kaum Besonderheiten in den jeweiligen Stufen gibt. Schade, so fällt der Anreiz eines Rollenspiels weg und was bleibt ist eher ein normales Action- sowie Hack ‘n‘ Slay-Spiel.


Auf die Größe kommt es an
In den Echtzeitkämpfen werdet ihr mit dem simplen Kampfsystem schnell zurecht kommen. Das liegt nicht zuletzt an den normalen, etwas doofen Gegnern, auf die ihr im jeden Abschnitt trefft. Sie sind ziemlich lahm und können euren Schlägen nicht wirklich ausweichen. Setzt ihr noch die Magie von Grimoire Weiss ein, hat das Leben der Bösewichte ein schnelles Ende und ihr fühlt euch leicht unterfordert.


Dagegen sind die Endbosse aber viel interessanter und herausfordernder. Meistens steht ihr Kolossen, wie riesigen Statuen oder glitschigen Echsen gegenüber. Nun heißt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Welche Magie benutzt ihr? Könnt ihr mit dem Schwert angreifen oder müsst ihr auf physikalische Angriffe gänzlich verzichten? Schafft ihr es, den Gegner bis zu einem kritischen Punkt zu schwächen, öffnet sich eine Art Uhr. Nun habt ihr wenige Sekunden Zeit, um euren Widersacher zur Strecke zu bringen. Ansonsten erholt er sich wieder und ihr müsst ihn erneut bekämpfen. Seine Schwachstelle zu finden, macht den enormen Reiz bei den riesigen Gegnern aus und ihr werdet ein stolzes Lächeln nicht verbergen können, wenn ihr einen Koloss mit einem finalen Schlag gezeigt habt, wer von euch beiden der Boss ist. So machen die bis zu 40 Spielstunden richtig viel Spaß!


Viel Wirbel um nichts
Können die Endbosse wohl noch jeden Spieler in ihren Bann ziehen, schaut es bei den Nebenmissionen anders aus. Natürlich gibt es von Beginn an Leute, die Nebenquests nichts abgewinnen können und diesen möglichst aus dem Weg gehen wollen. Doch leider müsst ihr bei NIER welche übernehmen, um genügend Geld für Items und Waffen zu erhalten. Meistens werdet ihr Aufträge annehmen, in denen ihr irgendwas abliefern oder suchen sollt. Das hört sich nicht nur langweilig an, das ist es auch. Gefühlte tausend Mal müsst ihr die Nordfelder abgrasen, um kleine Kälber zu schlachten, um sie von ihrem Fleisch zu befreien. Oder ihr dürft euch als Hobbygärtner in eurem eigenen Garten „amüsieren“ und neue Pflanzen in den Boden stopfen. Selbst Shoppingtrips können nicht wirklich begeistern und hinterlassen nur einen faden Beigeschmack.


Natürlich gibt es auch etliche Spieler, die solche Aufgaben mögen und gerne erledigen. Trotzdem finden wir, dass Cavia sich etwas mehr Mühe mit den Nebenquests geben und ihnen mehr Abwechslung spendieren könnten. So ist das Erledigen der Botengänge leider eher öde und eintönig.


Besser gefallen haben uns hingegen Rätsel, die als Text dargestellt sind. In einem Textfeld müsst ihr das passende Wort einfügen und die Geschichte bis zum Schluss abschließen, um zu überleben. Ältere Spieler werden diesen Teil von NIER lieben!


Das i-Tüpfelchen fehlt
Mögen müsst ihr aber nicht nur die Missionen, sondern auch die Musik des Spiels. Die eigens komponierte Musik von Keiichi Okabe unterstreicht das Spiel in seiner melancholischen Note. Die immer wiederkehrenden Chöre werden euch bei Missfallen zwar schnell nerven, doch bei den Zwischensequenzen bekommen vielleicht sogar Klassikmuffel Gänsehaut. So viele Emotionen können einfach nur traurig schöne Chorgesänge wecken und was passt besser zum Spiel als solche Gefühle?


Dagegen ist die Optik keine Frage des Geschmacks mehr. Natürlich sind die Perspektivwechsel gelungen. Betretet ihr einen Raum oder müsst kurze Hüpfabschnitte meistern, wechselt das Spiel in eine hübsche 2D-Optik, das an die guten alten Rollenspiele der vergangenen Jahre erinnert. Darüber hinaus wählt das Spiel auch ab und an die Iso-Sicht wie in Diablo aus und ihr steht mit der Kamera direkt über dem Geschehen. Ansonsten ist diese hinter Nier zentriert. Ihr könnt sie mit dem rechten Stick lenken und das Grauen schnell erkennen. Wie viel Mühe sich die Entwickler auch mit dem Rest des Spiels gegeben haben, ihr vergesst das alles beim Anblick der Grafik fast wieder. Selbst die Beschreibung „altbacken“ würde der Optik nicht gerecht werden. Sie ist matschig, detailarm und einfach nur enttäuschend. Ihr habt schnell das Gefühl, ein Spiel für die Xbox oder Wii eingelegt zu haben und das darf in der heutigen Zeit wirklich nicht mehr für ein Xbox 360-Spiel sein! Oder wollt ihr durch die Neueinstellung der Kamera einen verschwommenen Helden, graue Konturen und eine grobe Pixelwand sehen? Nein, nicht im Jahr 2010!


NIER macht uns wirklich sauer. Nein, es ist keineswegs ein schlechtes Spiel, sondern verschenkt lediglich viel zu viel Potenzial. Es besitzt eine fantastische, ungewöhnliche Geschichte, in dem der Spielheld einmal nicht die ganze Welt, sondern „nur“ seine Tochter retten will. Außerdem begleiten euch sarkastische und verkorkste Mitstreiter, wie das schwebende Buch Grimoire Weiss oder das Möchtegern-Unterwäschenmodel Kaine.
Doch wieso geben sich die Entwickler so viel Mühe, eine untypische Rollenspielgeschichte zu erzählen und dabei die Präsentation und, wohl das Herzstück bei einem Action-Spiel, das Kämpfen außen vor zu lassen? Das Kampfsystem ist viel zu simpel und etliche Ideen wie das Aufleveln durch bestimmte Wörter sind nicht konsequent und folgenreich genug umgesetzt worden. Die Grafik könnte aus der letzten Konsolengeneration stammen und gehört keinesfalls auf die heutige Xbox 360, wenn ihr euch stattdessen ebenso Grafikbomben wie Final Fantasy XIII oder Uncharted 2 zulegen könnt.


NIER hinterlässt ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits solltet ihr es meiden, da euch die Präsentation und eintönigen Nebenmission nerven werden. Andererseits empfehlen wir es euch wärmstens, da es eines der untypischsten und genialsten Spiele von Square Enix ist. Spielt es aber auf jeden Fall einmal an, denn spricht euch NIER an, könnt ihr nicht mehr davon lassen.



„Im Wechselbad der Gefühle: NIER hat zwar viele Macken, überzeugt aber mit einer untypischen Geschichte und einfallsreichen Charakteren“


Pro:
  • Extravagante Geschichte
  • Melancholische Stimmung
  • Sarkastische Charaktere
  • Schöne Perspektivwechsel
  • Vier verschiedene Enden
  • Großer Umfang
  • Lange Spielzeit
  • Viele nostalgische Anekdoten
  • Gelungene englische Sprachausgabe…

Kontra:
  • …die leider nur an wenigen Stellen zum Einsatz kommt
  • Unterirdische Grafik
  • Viel zu simple Steuerung
  • Brutale Präsentation wirkt aufgesetzt
  • Eintönige Nebenmissionen
  • Lange Ladezeiten

Einzelspieler: 7.5
Mehrspieler: -
Xbox Live: -
Steuerung: 7.5
Grafik: 5.7
Sound: 7.7
Sprache: Englisch
Bildschirmtexte: Deutsch
Zensur: nicht notwendig
Spielzeit ca. in Stunden: + 30
Geeignet für: Anfänger bis Profis
Altersfreigabe: Ab 16 Jahren

Gesamtbewertung
7.4


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