Die Leiden des jungen Bond
Mit der Hitman-Serie hat IO Interactive jahrelang einen gewissen Agent 47 durch die weltweit gefährlichsten Ecken geschickt. Nun übergeben die Macher das Steuer an Großbritanniens berühmtesten Spion. 007 First Light soll dabei keine simple Lizenz-Umsetzung, sondern eine Neuinterpretation des Bond-Mythos werden. Ob der Titel das Erbe des Franchise würdig vertritt, erfahrt ihr in unserem Test.
Ihr schlüpft dieses Mal in die Haut des jungen James Bond, gerade einmal 26 Jahre alt, und dennoch bereits charmant bis auf die Knochen. Der gute James ist jedoch noch weit entfernt vom Maßanzug-Gentleman mit den kühlen Sprüchen und der Liebe zu Wodka-Martini.
Nach einer mutigen Tat in den Weiten Islands wird er von MI6 angeworben und als Rekrut in das neu belebte Double-O-Programm aufgenommen. Doch eine Mission gegen einen abtrünnigen Agenten endet in einem Desaster, sodass Bond an die Seite seines widerwilligen Mentors Greenway gezwungen wird. Gemeinsam müsst ihr eine tiefgreifende Verschwörung aufdecken, die die Grundfesten Englands erschüttern könnte.
IO Interactive wagt sich somit an die Neuinterpretation von Bonds Entstehungsgeschichte. Und entgegen der Befürchtungen im Vorfeld: Dieser junge Bond funktioniert besser als erwartet. Schauspieler Patrick Gibson (Dexter: Original Sin) verleiht ihm eine Energie, die zwischen impulsivem Draufgänger und charmantem Überzeugungstäter wechselt.
Dieser Bond ist kalkuliert, fahrlässig, frech, aber mit dem Herzen am rechten Fleck. Schnell entwickelt ihr Sympathien für diesen jungen Agenten, was ebenso daran liegt, dass sich 007 First Light viel Zeit für die Charaktereinführung nimmt.
Starker Einstieg, langer Aufbau
Ihr erfahrt spielerisch, wie MI6 auf Bond aufmerksam wurde, wie sein Training abläuft, wie er sich mit anderen Rekruten wie der ehrgeizigen Cressida Bright oder dem wuchtigen Lennox Monroe anfreundet, und warum er beim Geheimdienstapparat trotz seines Talents aneckt.
Die Beziehung zum grummeligen, stoischen Greenway, meisterhaft gespielt von Lennie James, ist das emotionale Rückgrat der Geschichte. Hinzu gesellen sich bekannte Figuren wie eine neu interpretierte Moneypenny, eine pragmatische M sowie ein charmanter Q, der sein Q-Lab wie ein aristokratischer Gentleman führt.
Wer sofort in die Bond-Action eintauchen möchte, benötigt daher Geduld. Das Spiel lässt sich sichtlich Zeit, und der erste Akt in Island kann sich spürbar ziehen. Für Freunde starker Charakterentwicklung ist das ein Gewinn. Für alle, die vorwiegend Spionage-Action suchen, kann es anfangs frustrierend sein.
Die Story belohnt dieses Investment aber letztlich, weil sie aktuelle gesellschaftliche Fragen aufwirft, die wir euch an dieser Stelle natürlich nicht spoilern wollen. Fans der Bond-Filme dürfen sich zusätzlich über liebevoll eingestreute Easter Eggs und Referenzen aus Filmen sowie den Original-Romanen von Ian Fleming freuen.
Die Schauplätze sind ein weiteres Highlight: Von den verregneten Klippen Islands über das pompöse Grand Carpathian Hotel in der Slowakei und dem chaotischen Schwarzmarkt Aleph in Mauretanien bis zum tropischen Pearl Resort in Vietnam: jeder Ort atmet den Weltenbummler-Geist des Bond-Universums und wirkt mit Liebe zum Detail gestaltet.
Lizenz zum Schleichen
Doch wie transferiert sich die Bond-Atmosphäre auf das Gameplay? Hier haben sich die Entwickler für einen hybriden Ansatz zwischen linearen, narrativ getriebenen Abschnitten und offenen Sandbox-Arealen entschieden, in denen Ihr frei entscheidet, wie Ihr eure Ziele erreicht.
Wer das Hitman-Franchise kennt, erkennt sofort die Verwandtschaft. 007 First Light ist im Kern ein Hitman-Light, das die Hitman-typische Freiheit des Vorgehens mit einer stringenten Geschichte verbindet.
Das bedeutet: Wer genau hinhört oder hinschaut und die Umgebung liest, wird durch unterschiedliche Lösungswege belohnt. So erhaltet ihr etwa Einlass zu geschlossenen Bereichen, indem ihr geheime Zugänge findet, Figuren belauscht, Verkleidungen nutzt oder gewaltsam vorgeht.
Das zentrale Instinct-System füllt sich dabei durch erfolgreiche Spionage-Aktionen und eröffnet euch im Spielverlauf drei entscheidende Optionen. Mit dem Bluff könnt ihr euch etwa bei Wachen herausreden, sollten euch diese versehentlich entdecken.
Der Lure lockt patrouillierende Gegner zu eurer Deckung, damit ihr diese mit einem lautlosen Takedown ausschalten könnt. Und mit Focus verlangsamt ihr die Zeit, um Feinde präziser mit einem Schuss ausschalten zu können.
Dazu gesellt sich klassisches Spionage-Gameplay: Ihr belauscht Gespräche, stehlt Schlüsselobjekte, oder lenkt Wachen durch das Aktivieren oder Manipulieren von Gegenständen ab, um an ihnen vorbeizuschleichen.
Coole Gadgets für taktische Tiefe
Euer Q-Lab-Arsenal ist dabei einer der stärksten Punkte des Spiels. Q stattet euch mit mächtigen Gadgets aus, die sowohl taktisch klug als auch herrlich Bond-typisch sind: Die Q-Linse markiert Feinde und Interaktionspunkte in der Umgebung, die Q-Uhr hackt Kameras sowie elektronische Objekte.
Ein kompakter Laser öffnet Schlösser oder blendet Gegner, das Dart Phone lenkt Wachen ab oder vergiftet sie, die Schockwellen-Kamera zerstört Deckungen und schleudert Feinde fort. Minen-Airpods lassen sich als Fallen platzieren, der Missile Pen sprengt robuste Objekte, und natürlich dürfen Smoke Pods für klassische Vernebelungsmanöver nicht fehlen. Vor jeder Mission wählt ihr euer Loadout, um eure gewählte taktische Marschroute zu unterstreichen.
Auch das Nahkampfsystem überzeugt. Kombos, Paraden, Ausweichschritte, Griffmanöver und filmreife Finishing Moves sorgen dafür, dass sich jeder Faustkampf packend und körperlich anfühlt. Zudem bezieht ihr eure Umgebung mit ein, könnt Gegenstände auf Widersacher schleudern oder eure Feinde in Pissoirs, Serverschränke, Gemälde oder Weinregale rammen.
Erfreulicherweise sind zahlreiche Umgebungen und Gegenstände zerstörbar, was den Kämpfen zusätzliche Brachialität verleiht. Die Gegnertypen reichen von simplen Schlägern über gepanzerte Soldaten bis zu Elite-Einheiten, die euch zu unterschiedlichen Vorgehensweisen zwingen.
Ambivalent bleibt das Verhältnis von Stealth zu Action. Das Spiel gewichtet die Spionage klar höher, und wer sich auf sie einlässt, erlebt ein befriedigendes Puzzle-Spiel aus Beobachten, Planen und Ausführen. Wer hingegen auf klassische Action-Momente gehofft hat, bei denen Bond mit gezogener Waffe durch Räume wirbelt, wird öfter enttäuscht als erhofft. Die offenen Sandbox-Bereiche stehen im Vordergrund und werden durch lineare Action-Passagen aufgelockert.
Im Dienste der Schönheit
Klarer Kritikpunkt sind die Fahrzeugsequenzen. Verfolgungsjagden wirken visuell spektakulär und transportieren echte Bond-Atmosphäre. Die Steuerung selbst ist jedoch merklich schwammig und unpräzise. Auch die Wechsel-Funktion, mit der ihr Bond zur nächsten freien Deckung schickt, agiert in schnellen Gefechten gelegentlich unbefriedigend.
Wer nach dem Abspann mehr will, findet im TacSim-Modus echte Langzeitmotivation: Absolvierte Missionen lassen sich mit zusätzlichen Herausforderungen wiederholen, um neue Gadgets sowie Outfits freizuschalten und auf einem globalen Leaderboard verewigt zu werden. Das Spiel belohnt unterschiedliche Herangehensweisen und schafft damit echten Wiederspielwert in bester Hitman-Tradition.
Visuell präsentiert sich 007 First Light von seiner besten Seite. Jeder der zahlreichen Schauplätze besitzt eine unverwechselbare Ästhetik und ein klares Stimmungsbild. Das MI6-Gebäude unter dem charmanten Deckmantel von „Universal Exports“ sowie das riesige, mit Fanservice gefüllte Q-Lab sind für Bond-Fans eine echte Freude.
Andere Schauplätze, wie ein Firmenkomplex in London oder ein luxuriöses Resort in Vietnam beweisen, dass IO Interactive Schauplätze nicht nur grafisch beeindruckend, sondern auch spielerisch reichhaltig gestalten kann.
Das Sounddesign fügt sich konsequent in die Bond-Atmosphäre ein: Orchestrale Klänge wechseln sich mit leichten Streichern in Stealth-Passagen oder pulsierenden Beats in Kampfsequenzen ab. Die englische Vertonung ist durchgehend hochwertig, auf eine deutsche Synchro müsst ihr leider verzichten. Technisch läuft 007 First Light auf der Xbox Series X stabil und ohne nennenswerte Performance-Probleme.
Fazit
007 First Light ist genau das, was man sich von einem modernen Bond-Spiel erwartet: cineastisch, eigenständig, und mit echtem Respekt vor der Vorlage. IO Interactive gelingt es, die Faszination 007 mit den Stärken der eigenen Hitman-Reihe zu kombinieren. Bonds Weg zu seiner ersten Mission ist lang, doch er lohnt sich.
007 First Light macht also vieles richtig. Der junge Bond überrascht und berührt, die Geschichte greift aktuelle gesellschaftliche Themen auf, das Q-Lab und seine Gadgets sind eine liebevolle sowie spielerisch sinnvolle Hommage.
Der Mix aus taktischer Spionage und linearer Action belohnt Geduld, Kreativität sowie das Lesen der Umgebung, ohne spektakuläre Schusseinlagen zu vernachlässigen. Ihr fühlt euch wie in einem interaktiven Bond-Abenteuer, in dem ihr smarte, taktische Entscheidungen trefft und jeden mit eurem Charme um den Finger wickeln könnt.
Allerdings benötigt 007 First Light einige Zeit, bis es in Fahrt kommt. Und wer reinen Action-Bombast erwartet, ja mit der Hitman-Formel vielleicht gar nichts anfangen kann, könnte auf hohem Niveau enttäuscht sein. Die Fahrzeugsteuerung bleibt unbefriedigend, und die Balance zwischen offener Sandbox sowie linearem Narrativ kippt teils zu stark in Richtung Stealth.
007 First Light ist eben kein Shooter im Stile eines GoldenEye, sondern versucht, alle Facetten eines Bond-Abenteuers abzubilden. Heraus kommt dabei ein stilvolles, atmosphärisch dichtes Spionage-Erlebnis mit starkem Charakteraufbau, kreativer Gadget-Nutzung und großartigen Schauplätzen. In der Zukunft erhält dieser Bond hoffentlich weitere Abenteuer.
007 First Light im Microsoft Store kaufen:
- Singleplayer: 8.2
- Multiplayer: -/-
- Graphic: 8.2
- XboxLive: -/-
- Sound: 8.5
- Control: 8.2
- Overall: 8.2
- Game Time:
- Speech: Englisch
- TV TEXT: Deutsch
- Censor:
- Qualified:
- Letzte Worte:
„Packendes 007-Abenteuer für Bond- und Hitman-Fans.“
The Good
- Bond-Feeling punktgenau getroffen
- Starke Origin-Story mit aktuellen gesellschaftlichen Themen
- Hochwertige englische Synchronisation
- Exzellenter Soundtrack
- Kreatives Gadget-Arsenal mit taktischer Tiefe
- Sandbox-Missionen mit mehreren Lösungswegen in bester Hitman-Tradition
- Packendes Nahkampfsystem mit Umgebungsinteraktion
- Beeindruckende, detailreiche Schauplätze rund um den Globus
- Starker Charakteraufbau
- TacSim-Modus für Langzeitmotivation
- Stabile Performance
The Bad
- Gegner-KI teilweise zu simpel und unaufmerksam
- Fahrzeugsteuerung schwammig und unpräzise
- Balance kippt teils zu stark in Richtung Stealth
- Keine deutsche Sprachausgabe
- Rätsel und Missionsaufbau folgen gelegentlich ähnlichem Schema
- Antagonisten bis auf Ausnahmen eher eindimensional
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8.2
Genau so liest es sich auch.
Nicht so wie bei anderen wo die Wertung nicht zum Text passt…
Danke für den Test
Danke fürs Feedback und fürs Lesen 😊
Danke für die Bewertung, kann mich nur anschließen, hab mir jetzt mal nur das Fazit durchgelesen und finde es deutlich objektiver als andere Wertungen.
Danke Dir 😊 Freut mich, dass Du das Fazit gut nachvollziehen konntest.
Und wieder keine deutsche Sprachausgabe…..wir versinken langsam in der Bedeutungslosigkeit. Grad bei solchen Titeln war das immer Standart.
Also aufrecht stehend, in Reih und Glied? 🙂
Englisch ist die einzige vertonte Sprache, daher ist das kein „deutsches Ding“. Aber ich gebe Dir recht, mehrsprachige Vertonung war lange Zeit eigentlich Standard für solche Singleplayer-Titel.
Mir ist klar das IOI kein riesiges Studio ist aber bei einer Internationalen Marke wie James Bond, die gerade in Europa viele Fans hat musst du Deutsch, Französisch, Spanisch und von mir aus Italienisch abbilden.
Du hast die fehlende deutsche Sprachausgabe entsprechend als „bad“ bezeichnet. Finde ich korrekt.
Genau, wollte nur nochmal herausstellen, dass nicht nur wir das Problem haben, sondern auch die anderen nicht-englischsprachigen Länder ebenfalls in die Röhre gucken 😊
Habe mir heute extra Guthaben besorgt und jetzt muss ich erfahren das es keine Deutsche synchro hat. Dann können sie es behalten. Warte bis es mirder Epic Store schenkt.
8.2. Wow, das ist ordentlich. Was für ein tolles Spielejahr wir doch mit 2026 haben. IO Interactive hat geliefert. Finde es super das der Fokus auf Story und Charaktere liegt.
Absolut, hatte mit dem doch ungewohnten jungen Bond Angst, dass man ihn gleich mitten ins große Actiongetümmel schickt, aber seine Entwicklung ist echt sehr gut inszeniert und auch die anderen Charaktere sind sehr gut geschrieben.
Bin jetzt bei Kapitel 5 angelangt und damit wohl ziemlich bei der Hälfte des Spiels angelangt und bin schon gespannt wie’s weitergeht 🙂
Ohne deutsche Synchronisation könnte es eine 10 von 10 sein und ich würde es mir trotzdem nicht kaufen.
Die einzige Spielereihe bei der ich da wirklich eine Ausnahme mache ist GTA und Spiele die nicht dialoglastig sind.
Leider genau das, was ich erwartet habe und nicht haben wollte: Ein im Kern und Geiste Hitman-Klon. Und dann noch die fehlende Deutsche Synchro. Schade um die Lizenz, da bei soviel Schleichen und fehlender Synchro kein 007-Feeling bei mir aufkommen will. Maximal ein Sales-Titel bei mir 😭
Schade das die deutsche Sprachausgabe fehlt.
Erstaunlich, wie viele hier scheinbar nicht in der Lage sind einfaches Englisch zu verstehen oder deutsche Untertitel zu lesen und das Defizit dann an diesem guten Titel auslassen.
What? I don’t understand—why don’t you write in English?
Ich habe kein intersse so ein Spiel auf englisch zu spielen, ganz einfach.
Das ist dann für mich eher Arbeit als Spass. Und lesen geht gar nicht.
Z.B. bei BG3 habe ich damit kein Probleme weil es ein Spiel ist was sehr langsam abläuft.
Es gibt dutzende Gründe, warum deutschsprachige Gamer nach einer deutschen Synchro fragen … und nein, es hat bei vielen nichts mit dem Level des Englischsprechens zu tun. Ich selbst spreche durch den Beruf jeden Tag mehrere Stunden fließend Business Englisch und möchte dann eine deutsche Synchro am Feierabend haben 😎
Hauptsache erst einmal alle anderen in einen Topf packen und diskreditieren ohne die Beweggründe zu kennen. So erklärt es sich anscheinend am einfachsten 🤥
Dem ist nichts hinzuzufügen 👍🏻
Wollte mir das Spiel eigentlich auch holen, aber so ein Spiel auf Englisch ist einfach nur ein immersionskiller …
Schöner Test, ich behalte das Game im Auge.
Bis auf die Sprachausgabe liest sich das aber verdammt gut. Danke für den Test.
Danke Dir 😊