GRID: Test zum verlorenen Sohn der Rennspiele

Grid hat nach sechs Jahren Abstinenz, erneut die große Bühne erklimmt und möchte seit dem 11. Oktober 2019 das Rennspielgenre auf der Xbox One gehörig aufwirbeln. Geballte Arcade-Action, auf abgesteckten Pisten rund um den Globus verteilt, steht dabei auf dem Programmzettel. Gepaart mit unterschiedlichen Fahrzeugklassen und einer umfangreichen Karriere möchte Grid damit die Herzen der Rennspielfreunde höherschlagen lassen.

Wir haben Grid auf unseren Prüfstand gefahren und verraten euch in unserem Test, ob das Projekt auch wirklich Benzin in eure Blutbahnen presst.

Gleich nach dem Intro werdet ihr in eure ersten Rennrunden geworfen, bei denen ihr verschiedene Fahrzeugklassen beschnuppern dürft und einen ersten Eindruck spendiert bekommt. In etlichen Rennklassen müsst ihr im Anschluss auf das Podium klettern, um ganz am Ende den Titel der jeweiligen Rubrik einzuheimsen. Habt ihr euch im Laufe eurer Karriere in vier Kategorien die Krone aufgesetzt, wartet zum Abschluss noch das große Finale auf euch. Bis dahin ist es allerdings ein langer Weg.

Auf diesem Pfad sammelt ihr pro Rennen Erfahrungspunkte, steigt im Rang auf und scheffelt vor allem Geld, das ihr in neue Autos investieren dürft. Von getunten Boliden über Tourenwagen und Muscle Cars bis hin zu Stock Cars bietet Grid eine interessant und facettenreich gespickte Fahrzeugauswahl. Der trotz alledem ein Paar mehr Boliden gut gestanden hätte. Gleiches gilt für die Streckenauswahl und dem Angebot an Disziplinen – nur Rundkursrennen, Distanzrennen und Zeitrennen sind in dieser Hinsicht etwas mau.

Während ihr am Anfang noch in einem altem Mini Cooper herumeiert, sieht die Rennsportwelt im späteren Verlauf in einem aufbrezelten Audi R8 beispielsweise schon ganz, ganz anders aus. Jedes KFZ fährt sich spürbar anders und bietet eine individuelle Soundkulisse. Der fantastische Sound entfacht zusammen mit einem genialen Geschwindigkeitsgefühl und der erhabeneren optischen Aufmachung echte Fahrfreude.

Die Steuerung ist schnell verinnerlicht und fällt wie bei den Vorgängern klar in die Kategorie „Arcade“. Sowohl mit dem Lenkrad als auch mit dem Controller könnt ihr, ohne große Einstellungen vorzunehmen, gleich durchstarten. Selbst mit deaktivierten Fahrhilfen lassen sich die Autos fast problemlos durch die Kurven manövrieren. Fast, weil dem plötzlich und unerwarteten Ausbrechen des Hecks und einem schwer dosierbaren Driftverhalten Kritik gebührt.

Auf der Strecke erwarten euch knackig scharfe Umgebungen, hübsche Lichteffekte, Tag- und Nachtrennen sowie das authentisch eingefangene Regenwetter. Viel Betrieb am Streckenrand wie Feuerwerk, Wasserfontänen und zahlreiche Fans, die mehr sind als nur reine Pappfiguren, runden die gelungene technische Darbietung von Grid ab.

Einzig wenn es ins Detail geht, springen euch die Defizite entgegen. Die Fahrzeugmodellierung und das Schadensmodell wirken nur lieblos in Szene gesetzt. Vor allem in der Cockpitperspektive fällt die spartanische Darstellung samt unscharfen Instrumente und unbrauchbaren Rückspiegeln am meisten auf.

Auf eine dynamische Wetterinszenierung und auf alternative Wetterszenearien zum reinen Regenwetter wurde leider verzichtet. Die Kameraperspektive ist nicht justierbar und in der Außenansicht für unseren Geschmack etwas zu tief angesetzt – jedoch eine Frage des Geschmacks. Obendrein zuckt die Verfolgerperspektive oftmals, sobald sich ein anderes Fahrzeug bedrohlich nähert. Auch beim Schwierigkeitsgrad und der KI-Gegner müssen wir den Zeigefinger heben. Mehr wählbare Stufen oder gar eine stufenlose Justierung hätten eventuell den individuellen Härtegrad besser getroffen. Während wir auf „Schwer“ unterfordert waren, zogen wir auf „Sehr schwer“ zumeist den Kürzeren – um hier ein Beispiel aus unserer Sicht zu liefern.

Weiter geht es auf der Kehrseite der Medaille mit Kommentatoren, die sich ständig mit unnützen Anmerkungen wiederholen. „Schalten und Beschleunigen“, schallt es euch des Öfteren um die Ohren – was jetzt bei einer Rennveranstaltung sicherlich nichts Außergewöhnliches ist und eigentlich keinem Kommentar bedarf. Hier könnt ihr jedoch zum Glück die Reißleine ziehen und die hallenden Zwischenrufe einfach stumm schalten.

Halbherzig und aufgesetzt wirkt zudem das Rivalensystem und die Kommunikation mit eurem Rennstall. Ihr dürft eurem Teamkollegen Anweisungen zum Angreifen oder Verteidigen der Position erteilen oder euch im Rennen durch fiese Fahrmanöver Feinde machen, die euch bei nächster Gelegenheit die Retourkutsche verpassen wollen. Beides rutscht jedoch schnell in die Bedeutungslosigkeit ab.

Zwar zeigen die Computerakteure durchaus ein Eigenleben und fabrizieren Fahrfehler inklusive spektakulärer Unfälle, kommen aber nicht um die unbeliebte Betitlung als Gummiband-KI herum. Stets im Pulk dreht der Haufen seine Runden, was bei 16 Teilnehmern gerade auf den engen Stadtkursen zum Problem werden kann. Zum Überholen müsst ihr hier zwangsläufig die Brechstange auspacken. Umgehen könnt ihr das nur, indem ihr vor dem Rennen das optionale Qualifying in Anspruch nehmt und von einem der vorderen Plätze ins Rennen startet.

Vor dem Rennstart dürft ihr obendrein noch ein paar wenige Einstellungen am Fahrzeug vornehmen. Virtuelle Mechaniker, die selbst das letzte aus ihrer Karre herauskitzeln möchten, kommen hier jedoch kaum auf ihre Kosten. Selbiges betrifft die Optionen zur Individualisierung eurer Benzinkutsche. Die optischen Gestaltungsmöglichkeiten beschränken sich auf freischaltbare Designs und die Anpassung der Farben. Tuningzubehör oder ein waschechter Lackierungseditor, wie er bei Forza beispielsweise zur Grundausstattung gehört, hätten hier für zusätzliche Beschäftigung gesorgt.

So bleiben euch nur das stupide Abklappern der Rennveranstaltungen der langweilig inszenierten Karriere und der unbelebte Onlinemodus über. Nur mit viel Geduld fanden sich hier in unserer Testphase ein paar Kontrahenten.

Gewiss ist bei Grid in vielerlei Hinsicht noch viel Spielraum nach oben, doch dort wird die Luft schon recht dünn, denn das Gebotene ist zusammengefasst auf einem hohen Level. Grafisch und technisch macht das Spiel einen ausgereiften Eindruck. Knackig dargestellte und lebhafte Umgebungen, hübsche Licht- und Regeneffekte, ein eindrucksvolles Geschwindigkeitsgefühl sowie eine fantastische Soundkulisse untermauern dies. Erst wenn es ins Detail geht, springen euch die ersten Schwachstellen ins Auge. Vor allem dem Innenraum der Fahrzeuge wurde nur halbherzige Hingabe geschenkt.

In Sachen Umfang geht der Karrieremodus absolut in Ordnung und wird euch lange bei der Stange halten – sofern ihr nicht vorhabt, euch stundenlang am Stück mit dem Rennspiel zu beschäftigen. Denn beim Fahrzeug- und Streckenangebot wäre trotz der verschiedenen Rennklassen und Streckenvariationen wesentlich mehr möglich gewesen.

Gleiches gilt für die Inszenierung der Karriere, die über ein stupides Abklappern der Rennveranstaltungen nicht heraus kommt. Darunter leidet eben die Langzeitmotivation und lässt Grid nur zu einem guten Spiel für zwischendurch verkommen. Hier können die aufgesetzte Einbindung von Rivalen und Teamkollegen sowie der unbelebte Onlinemodus, den Karren auch nicht mehr aus dem Dreck ziehen.

Wenn euch ein Forza Motorsport zu ernst und trocken daherkommt und euch ein Forza Horizon hingegen zu verspielt ist, findet ihr mit Grid trotz der aufgezählten Schwachpunkte genau die goldene Mitte.

18 Kommentare Added

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  1. WWF ATTITUDE 35705 XP Bobby Car Raser | 16.10.2019 - 10:51 Uhr

    Keine Ahnung warum Codemasters so sehr nachgelassen hat. Früher waren alle deren rennspiele wahnsinnig gut aber auf dieser Gen haben die nichts wirklich gut hinbekommen.

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    • Miami_Nights1984 32155 XP Bobby Car Bewunderer | 16.10.2019 - 11:30 Uhr

      Ich verstehe es auch nicht.
      Die GRID und DIRT Serie waren in der XBOX360-Ära mitunter das Beste am Rennspiel Sektor.
      Hab unzählige Stunden (wenn nicht Wochen) in GRID und DIRT 2 versenkt und hatte so viel Spaß damit!
      Dann kam das vollkommen belanglose DIRT4 und nun ein uninspiriertes GRID, das zwar schön aussieht aber an allen Ecken und Enden beschnitten wurde.
      Früher hätte ich für ein neues GRID Day One vor dem Gamesladen campiert – heute nehm ich das maximal mal in einem Sale mit.
      Schade 🙁

      • Aeternitatis 19315 XP Sandkastenhüpfer Level 4 | 31.10.2019 - 20:08 Uhr

        Campiert hätte ich jetzt nicht für die Spiele. Muss dir aber ansonsten völlig zustimmen. Das erste Grid und Dirt 2 waren wirklich hammermäßig geil.

  2. JASON VS ME 4040 XP Beginner Level 2 | 28.10.2019 - 23:33 Uhr

    Ja leider sehr nachgelassen. Grafik top aber das Spiel selber Schrot. Mal sehen ob es mal wieder besser wird

  3. OzeanSunny 50495 XP Nachwuchsadmin 5+ | 06.11.2019 - 01:44 Uhr

    Toller Test und es bestätigt auch mein Gefühl dabei. Das Game weis wirklich zu unterhalten

  4. BONZE BLN44 7920 XP Beginner Level 4 | 30.11.2019 - 21:58 Uhr

    Also hab es mir heute mal aus der Videothek ausgeliehen und muss aber sagen das ich es echt nicht so gut finde wie die Teile damals auf der 360.

  5. Garfield2808 3330 XP Beginner Level 2 | 30.11.2019 - 22:45 Uhr

    Bin aktuell kein großer Spieler in dem Genre, aber ich finde den Teil eigentlich ok, nicht überragend aber trdm gut. Wenn die Lust aufs Game kommt dann Konsole an, ein zwei Turniere fahren und gut ist.

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