TT Isle of Man: Ride on the Edge 2: Test zum Geschwindigkeitsrausch durch die grüne Kurvenoase

Seit dem 19. März 2020 dürft ihr in TT Isle of Man Ride on the Edge 2 erneut an dem gefährlichsten Motorradrennen der Welt teilnehmen. Und das bequem vom heimischen Sofa aus, ohne eure Lebenserwartungen drastisch nach unten zu schrauben. Statistisch gesehen ereignen sich zwar die meisten Unfälle in den eigenen vier Wänden, doch nur die wenigsten stehen beim Zocken auf einer Leiter oder hantieren nebenbei an irgendwelchen Stromleitungen herum. Und bevor wir komplett vom Thema abdriften, erklären wir euch nun, was TT Isle of Man Ride on the Edge 2 anzubieten hat.

Nach dem Spielstart steht ihr gleich vor einer Qual der Wahl und müsst euch entscheiden, ob ihr an einer optionalen Einführung teilnehmen wollt, oder eben nicht. Über große Überraschungen hinsichtlich der Steuerung werdet ihr bei einer Teilnahme jedenfalls kaum stolpern. Dass ihr mit dem rechten Stick die Haltung des Fahrers beeinflussen dürft, ist der wohl einzige signifikante Unterschied, der euch diesbezüglich etwas ins Straucheln bringt. Nach vorne neigen, um den Luftwiderstand zu senken und in den Stick nach hinten ziehen, um das Gegenteil zu bewirken. Ansonsten ist alles so, wie ihr es von anderen Motorradrennspielen gewohnt seid. Kurzum, es sitzt alles dort, wo es sitzen muss.

Was allerdings gleich bei euren ersten Gehversuchen bei TT Isle of Man Ride on the Edge 2 klar wird, ist die Tatsache, dass gefühlvoll hier großgeschrieben wird. So durften wir unseren ersten spektakulären Abflug gleich nach dem ersten kräftigen Zug am Gasdrehgriff in Augenschein nehmen. Doch keine Panik, euch werden zahlreiche optionale Fahrhilfen an die Hand gegeben, die den Härtegrad etwas nach unten schrauben. Im Vergleich zum Vorgänger darf hier sogar von einsteigerfreundlich(er) gesprochen werden.

Bei genauerer Betrachtung der Steuerung fällt zudem auf, dass sie sich weniger träge als beim ersten Teil der Reihe anfühlt und trotz justierbarer Lenkempfindlichkeiten fast einen Hauch zu filigran geraten ist. Trotz alledem fluppt das Ganze mit etwas Hingabe und viel Übung! Im Einklang mit den verbesserten Fahrerbewegungen wirkt der bodennahe Flug über die Insel noch authentischer als im Vorgänger.

Die volle Motorsportdröhnung entfaltet TT Isle of Man Ride on the Edge 2 allerdings erst auf den Profieinstellungen. Was in der Praxis bedeutet, dass ihr auf etwaige Unterstützungsmaßnahmen verzichten und einen höchst sensiblen Umgang mit eurem Controller an den Tag legen müsst. Ohne Antiblockiersystem sowie einer Anfahr- und Bremshilfe, einem manuellen geschalteten Getriebe und einzeln bedienter Vorderrad- und Hinterradbremse, ist der Ritt über die halsbrecherischen Pisten eine echte Kampfansage! Jede noch so kleine Unaufmerksamkeit wird gnadenlos mit einem Abflug quittiert.

Um euer Können auf die Probe zu stellen, steht euch der Einzelspielermodus und Mehrspielermodus zur Auswahl. Bei Letzterem könnt ihr euch mit bis zu 6 Spielern auf eurem Sofa versammeln und abwechselnd mit einem Controller den Sieger ausmachen. Die Möglichkeit, auf geteiltem Bildschirm an den Start zu gehen, fehlt hingegen leider bei TT Isle of Man Ride on the Edge 2. Online geht es theoretisch mit bis zu acht Spielern zur Sache, was aufgrund der schwindend geringen Spielerzahlen höchstens über die Gruppensuche der Xbox One oder mit genügend Motorradverrückten in der Freundesliste umzusetzen ist.

Als einsamer Wolf dürft ihr euch eigene Rennzenarien erschaffen, euch auf der neu ins Spiel integrierten offenen Spielwelt austoben oder in den Karrieremodus abtauchen. Die frei befahrbaren Straßen Irlands kommen auch im Karrieremodus zur Geltung und offenbaren euch zahlreiche extra Herausforderungen.

Mit dem Einheimsen diverser Medaillen in unterschiedlichen Disziplinen sichert ihr euch zusätzliche Einnahmen und besondere Zubehörteile. So tretet ihr beispielsweise gegen einen Geisterfahrer an, nehmt an einem Kontrollpunktrennen teil oder ihr versucht, eine gewisse Geschwindigkeit zu erreichen und zu halten. Nebenbei dürft ihr euch die grünen Landschaften mal in Ruhe ansehen und was noch viel wichtiger ist, eure Streckenkenntnisse verbessern.

Problem an der Geschichte: auf dem freien Straßennetz ist abgesehen der einfallslosen Zusatzaufgaben überhaupt nichts gebacken. Zivilverkehr, dynamisches Wetter oder weitere Beschäftigungsmöglichkeiten hätten der offenen Spielwelt eine größere Daseinsberechtigung gegeben. So ist es eben nur ein nettes Extra, das seiner anfänglichen Freude darüber kaum gerecht wird und zu schnell seinen Reiz verliert.

Vor dem Start in eurer Karriere steht zunächst die Erstellung eures virtuellen Abbilds an. Name, Nachname und Herkunft festlegen, fertig ist das neue aufstrebende Fahrertalent. Im direkten Anschluss erhaltet ihr eure Fahrerlizenz mit der kleinen aber feinen Auflage, euch zunächst für die große Tourist-Trophy qualifizieren zu müssen.

Dies geschieht entweder, indem ihr die Junior TT als Sieger beendet, bei der irischen Meisterschaft durch Erfolge genügend Abzeichen abstaubt, oder euch generell einen Namen in der Szene macht und mit einer direkten Einladung zum Event honoriert werdet. Danach wählt ihr noch kurz euren ersten eigenen Feuerstuhl und findet euch im übersichtlichen Karrieremenü wieder.

Eine freundliche Stimme erklärt euch alles Nötige und weist euch beispielsweise darauf hin, dass ihr euch eure Rennen über den Kalender auswählen dürft. Hier steht ihr nun vor der besagten Wahl, welchen Weg ihr zum großen Ziel einschlagen wollt. Da Streckenkenntnisse und das damit einhergehnde Training bei TT Isle of Man Ride on the Edge 2 enorm weiterhelfen, ist der leichteste Weg über die irische Meisterschaft der wohl meist gewählte. Leider fehlt es dem Karrieremodus trotz der Neuerungen etwas an Tiefe und Kreativität. Euren Charakter mehr Leben zu verpassen und Informationen zu den Austragungsorten sowie Motorrädern wären beispielsweise wünschenswert gewesen.

Bevor ihr endgültig auf die Strecke freigelassen werdet, müsst ihr nur noch schnell euren ersten Vertrag unterzeichnen. Dieser geht ebenfalls mit gewissen Bedingungen einher und entlohnt euch bei erfolgreichem Abschluss königlich mit neuen Zubehörteilen. Durch etwaige Aktivitäten steigert ihr euren Ruf, erhaltet Vorteilspunkte und sackt Preisgelder ein, die ihr in neue Mopeds und Vorteilskarten investieren dürft.

Vorteilskarten könnt ihr zum Aufwerten bestimmter Bereiche eures Teams verwenden. Mechaniker reduzieren beispielsweise die Dauer eines Boxenstopps oder bringen eure Reifen schon vor dem Start auf Betriebstemperatur. Ingenieure reduzieren den Kraftstoffverbrauch, beschleunigen den Wiedereinstieg nach einem Sturz oder erhöhen die Langlebigkeit eurer Reifen. Obendrein dürft ihr noch Vorteile in den Kategorien Versicherung und Einfluss vor euren Rennveranstaltungen aktivieren.

Die kurvenreichen Strecken, auf denen ihr euch letztendlich austoben dürft, sind wie im echten Leben ein Traum für jeden Motorradliebhaber. So führt es euch durch enge Dorfstraßen, ihr brettert durch einen Containerhafen, dreht am Rande eines Sees eure Bahnen oder ihr verteilt euren Gummiabrieb auf dem Asphalt eines Flugplatzes. Egal wo, es macht einfach spaß seinen Drahtesel am Limit der physikalischen Gesetze durch dieses grüne Motorradparadies zu prügeln.

Abwechslung bieten die idyllischen Landschaften von Großbritannien auf jeden Fall und die Straßen wurden authentisch mit all ihren Beschaffenheiten wunderbar ins Spiel implementiert. Auf das typische Inselwetter, in Form von niemals enden wollenden Regengüssen müsst ihr allerdings quasi regelkonform verzichten, da auch in Wirklichkeit eine schlechte Wetterlage der Tourist-Trophy einen Strich durch die Rechnung macht.

Fliegt ihr mit hohem Tempo durch enge Dorfstraßen, macht TT Isle of Man Ride on the Edge 2 im Zusammenspiel mit den hübschen Lichteffekten einen zeitgemäßen Eindruck. Erst wenn die Landschaften etwas weitläufiger sind, werden die Schwachstellen durch grobe, karge und nachladende Texturen störend ersichtlich. Alles, was sich in unmittelbarer Nähe abspielt, ist dafür sehr ansehnlich. In dieses Sichtfenster fallen auch die Motorradmodelle und Fahrer. Beim Geschwindigkeitsgefühl zeigt die Formkurve wieder nach oben. Im Vergleich zum Vorgänger wurde hier spürbar nachgebessert.

In der Kategorie Beschallung versprüht jedes einzelne Motorrad seine individuelle Klangnote aus dem Auspuff, die jedoch von kräftigen Windgeräuschen realitätsgetreu bei höherem Tempo nahezu verschlungen werden. Wem das nicht passt, kann die Tonregler in den Optionen selber auf die gewünschte Position verschieben. Was auch immer ihr verschiebt, optische Schäden lassen sich leider nicht einschalten. Nach einem wundervoll in Szene gesetzten Sturz werdet ihr unspektakulär wieder auf die Strecke katapultiert.

Da auf der anderen Seite auf Details wie Bodenkontakt und damit einhergehender Funkenflug wertgelegt wurde, sobald ihr euch zu sehr in die Kurve legt, ist es sehr schade, dass die Animationen nach einem Abflug nicht hübscher dargestellt werden. Da jeder Motorradrennfahrer das Sturzverhalten quasi in die Wiege gelegt bekommen hat, sollte euer Charakter nach der geglückten Landung zur Maschine laufen, diese aufheben und mit dem ramponierten Teil das Rennen fortsetzen.

Die Computergegner lassen ebenfalls zu wünschen offen. Zwar erlebt ihr hin und wieder Fahrfehler, davon abgesehen legen sie aber fast immer das gleiche Schema an den Tag. Einer fährt vorne voran, der Rest klebt am Gummiband etwas abgeschlagen hinterher. Ihr werdet euch meist genau dazwischen befinden und echte Positionskämpfe schmerzlich vermissen.

Während die KI-Gegner auf den Geraden meist mehr Feuer im Ofen haben, verlieren sie in den Kurven viel Zeit und machen euch bei den wenigen Überholsituationen leichtes Spiel. Diesbezüglich bereitet es fast mehr Vergnügen, bei einem gestaffelten Rennstart teilzunehmen und quasi alleine über die Piste zu heizen, als einem Massenstart beizuwohnen.

Das gefährlichste Motorradspektakel der Welt wird in TT Isle of Man Ride on the Edge 2 mit all seinen Eigenschaften eingefangen. Der diesjährige Ableger wurde im Vergleich zum Vorgänger mit einem ansprechenderen Karrieremodus, zusätzlichen Strecken und einer frei befahrbaren Spielwelt ausgestattet. Während eine authentische Soundkulisse eure Ohren massiert, werden eure Augen mit einem fantastischen Geschwindigkeitsgefühl, tollen Fahreranimationen, hochauflösendem Texturen und stimmungsvollen Lichteffekten verwöhnt.

Erst bei weitläufigen Landschaften werden technische Defizite deutlich sichtbar und ziehen die Euphorie nach unten. Karge sowie grobe Kulissen in der Ferne und nachladende Texturen trüben den Eindruck gewaltig. Gleiches gilt für die Computergegner, die sich nur selten von ihrer fotogenen Seite präsentieren. Fahrfehler und Stürze sind durchaus mit von der Partie, ansonsten folgen sie leider stets demselben Schema und sorgen nur sehr selten für spannende Positionskämpfe.

In Sachen Umfang geht das Gebotene zum Vollpreis diesmal in Ordnung und sollte jedem, der mit dem Vorläufer schon seine große Freude hatte, sicherlich noch mehr Unterhaltung schenken.

Um unbeschadet die Ziellinie zu durchfahren, sind ein äußerst gefühlvoller Umgang mit dem Controller, ausreichende Streckenkenntnisse und eine gewisse Frustimmunität erforderlich. Einsteiger bekommen diesmal zwar etwas mehr Schützenhilfe, um das volle Potenzial aus TT Isle of Man Ride on the Edge 2 herauszukitzeln, sollten jedoch möglichst alle Fahrhilfen deaktiviert sein.

Zu guter Letzt ist TT Isle of Man Ride on the Edge 2 ein echter Wermutstropfen für alle Fans des spektakulären Events, da die Tourist-Trophy in diesem Jahr ebenfalls dem Coronavirus zum Opfer fällt.

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