Xbox One: Gaming der Zukunft: Diversifikation trifft Polyvalenz

Wie sieht das Gaming der Zukunft aus? Diversifikation trifft Polyvalenz.

Jeder von euch, der schon länger spielt, hat wahrscheinlich festgestellt, wie lebendig diese Szene ist. Für manche ist es sogar die virilste Szene überhaupt. Nicht nur bei einzelnen Games, sondern Gaming als solchem. Eine Welt, in der beständiger Wandel zum Wesenskern gehört. Kein Wunder also, dass hier, wo die Zukunft gemacht wird, auch einige Trends abzusehen sind.

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Die großen spielerischen Schwerpunkte der Zukunft

Stichwort Sozialkritik: Awareness als Spielmodell

The Last of Us 2, das die PS 4 an ihre Leistungsgrenze bringt und mit einer Protagonistin in einem klugen Setting spielt. Concrete Genie, ein leider PS‑4‑exklusives Game, bei dem der Protagonist ein Mobbingopfer ist. Death Stranding, kürzlich für den PC angepasst und ein Spiel, in dem es trotz postapokalyptischem Setting ausnahmsweise nicht darum geht, auch die Überlebenden bleigewaltig zu erledigen, sondern Zivilisationsnester wieder zu verbinden.

Diese Liste ließe sich noch fortsetzen, denn der Trend ist da und gekommen, um zu bleiben: Etwas weniger Action, dafür mehr soziale Aufmerksamkeit, gerne auch im ohnehin beliebten und zukunftsträchtigen Koop-Survial-Modus à la Fortnite. Denn wir leben zweifelsohne in einer Zeit, in der das Bewusstsein für Probleme, Nöte und Ungerechtigkeiten riesengroß ist. Games waren und sind dabei immer ein Spiegel ihrer Zeit und der Gesellschaft.

Allerdings wäre es falsch, Awareness als reinen Zeitgeist mit absehbarem Ende abzutun. Denn die Tatsache, dass das Leben nicht perfekt ist, dass nicht jeder ein Superheld sein kann, sich nicht sämtliche Probleme einfach lösen lassen, ist jenseits von Zeitgeist immer näher an der Lebensrealität vieler Menschen.

Helden-Games werden zwar nicht verschwinden, aber die kommenden Gaming-Jahre werden möglicherweise vom Titel eines alten Tina-Turner-Hits geprägt sein: „We don’t need another Hero“. Weniger perfekte Helden, kompliziertere Lösungsansätze. Wir werden marginalisierte Personen erleben, lebensnahe Aufgaben. Darin liegt auch eine hohe Kunst des Game Designs: Das alles muss spannend bleiben und nicht bloß zur Sozialkritik ihretwillen abflauen.

Narration: Sind das noch Spiele oder spielbare Filme?

Die meisten Games haben eine Geschichte. Selbst wenn es nur „Klempner rettet in Jump ´n´ Run Manier die entführte Prinzessin“ ist. Zwar braucht nicht jedes Genre oder Spiel einen Hintergrund, aber es macht vielfach Sinn, weil es dem Spieler einen tieferen Grund gibt, den Protagonisten zu steuern.

Einstmals waren solche, oft tiefgehenden, Erzählstrukturen wichtig, um Spiele trotz hardwarebedingter (Grafik-)Schwächen spannend zu machen; etwa die Hochzeit der Point-and-Click Adventures in den 1980ern und -90ern. Darunter der Lucas-Klassiker Indiana Jones and the Last Crusade, der Käufern sogar ein kleines „Gralstagebuch“ beilegte und somit dem digitalen Game eine Offline-Komponente verpasste.

Doch als immer bessere Grafiken immer atemberaubendere Welten ermöglichten, schrumpfte vielfach die Bedeutung der Story. Vorhanden war sie zwar noch immer, sie musste aber gegenüber der Bildgewaltigkeit zurückstecken – bis hin zu aufwendigen Action-Games, deren Story auf simpelstem Super-Mario-Niveau lag.

Allerdings:

  1. Gaming wird heutzutage immer stärker zum Hobby für unterschiedlichste User; nicht nur für technikaffine Jugendliche. Deren Präferenzen liegen auf anderen Schwerpunkten als Action und Grafik.
  2. Deshalb, und weil Technik immer aufwendiger wird, ist Bildgewaltigkeit allein immer schwieriger als Verkaufsargument durchzusetzen.
  3. Spiele sollen möglichst lange spannend bleiben. Kommt die Attraktivität größtenteils aus einem atemberaubenden Look, gibt es meist eine weit kürzere Halbwertszeit.

Bereits die vergangenen Jahre setzten deshalb zunehmend einen Fokus aufs Erzählen, die Narration. Auch dieser Trend wird noch stärker werden. Zum einen, weil Grafik kaum noch gravierende Entwicklungssprünge ermöglicht. Zum anderen, weil Spiele länger attraktiv bleiben, indem einfach „nur“ neue Erzählstränge ersonnen werden.

Dies wird Spiele komplexer machen und ihnen den Charakter von spielbaren Filmen (oder Serien) geben. Das bedingt zwar, sich tiefer auf ein Game einzulassen, für maximale Snackability gibt es jedoch auch künftig andere Games.

Minigames: Spiele im Spiel

Seit die GTA-Reihe sich von der Vogelperspektive verabschiedete, gehören Minigames ebenso zu jeder Neuauflage der Open-World-Reihe, wie der kriminelle Hintergrund der Protagonisten.

Auch andere Kult-Knüller wie Red Dead Redemption 2 beziehen einen wesentlichen Teil ihrer Attraktivität daraus, dass die Spieler es sich darin beispielsweise am Kartentisch gemütlich machen können – häufig damit verbunden, dass durch das Meistern solcher Minigames für die Story Vorteile entstehen – etwa, dass das Konto des Protagonisten sich füllt.

Auch dieser Trend steht erst am Anfang. Möglich wird er nicht zuletzt deshalb, weil Limitierungen eines Speichermediums immer belangloser werden. Was bleibt, ist das, was von den Spieledesignern für sinnvoll erachtet wird.

Pay for it: Die Anpassung der Zahlmethoden

Wenn ihr Inhalte für die Xbox herunterladen wollt, könnt ihr dafür unter anderem ebenso eine Kreditkarte mit eurem Account verknüpfen wie eine Bankkarte, eine Kontonummer, PayPal oder alternativ alles über euren Handyvertrag laufen lassen.

In anderen Sparten sieht es ähnlich aus. Im Bereich Casino etwa wird verstärkt ein innovativer Dienst genutzt: der schwedische Anbieter Trustly – der auf sogenannte Zahlungsauslösedienste spezialisiert ist. Auch Google etablierte ein eigenes System, bei dem User eine Umfrage-App herunterladen, darin Fragen beantworten, wofür wiederum ein Guthaben ausgeschüttet wird, um Inhalte zu bezahlen.

Aktuell erleben wir hier etwas, das größtes Zukunftspotenzial hat: Die Bezahlmethoden diversifizieren sich. Dahinter stecken zwei Gründe:

  1. Zahlungsdienste sind ein stark aufstrebendes Business und Spieleanbieter können es sich kaum erlauben, eine Option zu ignorieren, egal wie klein oder ungewöhnlich sie (noch) ist.
  2. Jedes Spiel kommt aufgrund seiner Prinzipien besser oder schlechter mit manchen Zahlungsmethoden zurecht. Siehe das Beispiel mit den Casinos. Dort ist Trustly deshalb so erfolgreich, weil es Gewinne – ungleich zu anderen Payment-Dienstleistern – direkt auf das Bankkonto des Spielers überträgt und nicht auf einem Account-Konto verbucht. Der Transfer erfolgt deutlich schneller als bei einer normalen Überweisung.

Doch auch diese beiden Punkte benötigen Fingerspitzengefühl: Denn folgt ein Spieleanbieter einfach nur der Maxime, möglichst alle Dienste zu erlauben, kann für Spieler auch rasch Unübersichtlichkeit entstehen.

Eintauchen bis zum Schluss: Virtual- und Augmented Reality

Was virtuelle (VR) und verstärkte (AR) Realitäten anbelangt, hält sich Microsoft bekanntermaßen abwartend zurück – nicht zuletzt, weil Phil Spencer noch 2017 der Meinung war, dass die Technik noch einige Jahre bräuchte, bis sie wirklich ausgereift wäre. Doch er sagte damals auch:

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„Auf lange Sicht glaube ich an diese Kategorie. Ich glaube sie ist
immersiv, ich denke du kannst ein Gefühl vermitteln, ob es nur
Schwindel ist oder das Gespür eines neuen Raums oder einer Umgebung,
und das ist einfach unglaublich. Ich kann es kaum erwarten, bis es auf
den Massenmarkt für Spiele kommt […]“

 

Zwar gibt es aktuell selbst für die brandneue Xbox Series X keine offiziellen Pläne, Virtual Reality zeitnah zu integrieren; allerdings ist ebenso bekannt, dass HP unlängst ein neues VR-Headset ankündigte, an dem Microsoft stark beteiligt ist.

Das alles zeigt: AR und noch mehr VR stehen derzeit an der Schwelle zum Durchbruch. Die Gründe, warum es bislang nicht klappte, befinden sich gänzlich in der Behebungsphase:

  1. Die Integration von Controllern wird immer besser.
  2. Tracking wird so verbessert, dass es ohne externe Systeme nur mit dem Headset funktioniert. Die Headsets werden also autark.
  3. VR-Headsets sind gegenüber Großbildschirmen eine kostengünstige Möglichkeit, höchstauflösende Inhalte wie etwa 8k darzustellen.

Der jedoch wichtigste Grund ist folgender: Zahllose Hersteller arbeiten derzeit daran, aus VR viel mehr zu machen als eine optische Angelegenheit. Wir sprechen von Anzügen oder einzelnen anziehbaren Modulen, welche zusätzliche Sinneseindrücke bis hin zu Temperatur- und sogar Schmerzempfindungen ermöglichen.

Damit wird Virtual Reality bald einen riesigen Schritt gegenüber klassischem Gaming bedeuten. Ein viel größerer Kaufanreiz als ihn ein bloßes VR-Headset bietet. Das wird natürlich die Spielehersteller in Zugzwang bringen, passende Inhalte zu entwickeln – und wie es sich anfühlt, nicht nur die künftig storytechnisch verfeinerten Games bloß zu spielen, sondern mit mehreren Sinnen zu erleben, könnt ihr euch sicher ausmalen.

Games as a Service: Damit Spielspaß nicht endet

Spielespaß, der nicht endet, weil die Entwickler immer wieder neue Inhalte nachschieben: Das ist als Games as a Service (GaaS) ein seit einigen Jahren etabliertes, aber auch kritisiertes Konzept – warum genau, wurde in Folge 69 des GameStar-Podcasts erklärt.

Aber: Wenn wir künftig noch tiefere Erzählstrukturen erleben, Minigames und dergleichen, könnte es gut sein, dass sich GaaS endgültig durchsetzt. Denn die aktuellen Fehler liegen vielfach darin, dass GaaS falsch genutzt wird. Beispielsweise weil das Basisspiel unvollständig ist – etwa bei Dead Space 3, bei dem das ganze Spielende kostenpflichtig heruntergeladen werden musste, was viele Gamer erzürnte.

Die Entwickler wissen mittlerweile, was Gamer hinsichtlich GaaS zu tragen bereit sind und was nicht. Das Prinzip wird deshalb nicht verschwinden. Aber es wird besser werden.

Die Konsolenwelt der Zukunft

Leistung: Nicht mehr nur fürs Auge

Die Xbox Series X ist die leistungsstärkste Konsole der Welt. So leistungsstark, dass ihre Power kaum zu demonstrieren ist. Damit markiert sie aber „nur“ einen Wegpunkt in einer linearen Geschichte: Ein Großteil aller Hardwareentwicklung wurde bislang in der Spielewelt in eine schönere Optik investiert. Bei den Konsolen in Jahre überspannenden Schritten, bei PCs in kürzeren Abständen. Auch die Gesellschaft für Konsumforschung fand noch 2019 heraus, dass Leistung eines der wichtigsten Kaufmerkmale für Hardwarekäufe im Gaming-Bereich ist.

Just die Xbox Series X zeigt, dass der Gipfel sehr nah ist. Die Grafik ist fast so echt wie die Realität. Heißt, wir sind kurz vor dem Endpunkt einer fast ein halbes Jahrhundert überspannenden Entwicklung anbelangt, die immer versuchte, Grafik noch besser zu machen.

Natürlich wird die Hardwareentwicklung nicht stehenbleiben. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es künftig weit weniger um noch mehr optische Brillanz gehen wird. Denkt an das, was wir in Sachen Virtual Reality erwähnten. Auch das benötigt Rechenleistung, sehr viel sogar. Allerdings ist fraglich, ob das zu immer leistungsstärkeren Konsolen führen wird:

Wird Streaming alles verändern?

Denn wir stehen auch an der Schwelle eines Prinzips, das beim Fernsehen und vielen anderen Bereichen der Digitalisierung schon seit Jahren Usus ist: die Cloud und damit zusammenhängend das Streaming.

Schon seit Jahren gehören Games, die lokal ohne Internetanbindung gespielt werden können, einer aussterbenden Gattung an. Es steigen nicht nur die verfügbaren Internetgeschwindigkeiten, sondern auch immer mehr Menschen und damit potenzielle Gamer haben Zugriff darauf.

Zwar hat sich beim jüngsten Microsoft-Showcase die Vermutung nicht bewahrheitet, dass die Xbox Series X die letzte Evolutionsstufe sein wird. Dennoch könnte die Zukunft durch Cloud-Gaming völlig anders aussehen; auch bei Konsolen. Denn letztendlich ist es die große Stärke dieses Spielprinzips, dass die Rechenleistung weitestgehend auf Server ausgelagert wird. Egal wie viel stärker und schneller künftige Konsolengenerationen sein werden, sie müssen zwangsläufig gegenüber ganzen Serverfarmen den Kürzeren ziehen.

Passieren könnte deshalb das, was wir, wie erwähnt, mit lokalen Spielen erleben: Diejenigen, die ihren Leistungshunger einzig darauf stützen, was eine Konsole (oder generell irgendein Computer) zu leisten vermag, könnten bald immer weniger werden. Das bringt uns zum finalen Punkt:

Eins für alles?

Es existieren Spiele, die es für die Xbox gibt, aber nicht für die PlayStation. Spiele, die erst für den PC veröffentlicht werden, bevor sie für Konsolen angepasst werden. Dieses Prinzip kennt ihr. Aber Cloud-Gaming hat absolut das Zeug dazu, dieses altbekannte Phänomen für immer abzuschaffen.

Denn wo es immer unwichtiger wird, wie leistungsstark die heimische Konsole ist, gibt es immer weniger Gründe, den unglaublich langen und teuren Aufwand zu betreiben, den das Entwickeln einer neuen Konsole bedeutet. Google Stadia zeigt, wie das aussehen könnte.

Das soll euch zwar nicht pessimistisch stimmen, aber es bestehen realistische Chancen, dass wir uns derzeit auf den letzten Metern der generellen Entwicklung von heimischer Gaming-Hardware befinden. Dies ist deshalb kein Anlass für Pessimismus, weil es das Gaming nicht schlechter machen wird.

Weiterhin werdet ihr mit einem Controller (und vielleicht noch mehr) auf der Couch sitzen und einfach nur genießen können. Wahrscheinlich sogar noch viel besser als es mit den immer vorhandenen Limitierungen selbst der leistungsstärksten Konsole möglich wäre. Und letztendlich geht es ja nur darum: Spielspaß. Worauf dieser basiert, ist doch eigentlich zweitrangig.

Fazit

Die Zukunft ist natürlich immer etwas ungewiss. Fest steht aber, dass Gaming sich derzeit an seiner vielleicht wichtigsten Schwelle seit den allerersten Schritten in den 1970ern befindet. Denn so, wie das normale Fernsehen durch das Streaming völlig verändert wurde, wird auch Gaming – nicht nur auf Konsolen – in den kommenden Jahren umfangreiche Transformationsprozesse durchlaufen.

Diese werden nicht nur schön sein, es wird vermutlich auch Tränen geben, das ist nie ganz auszuschließen. Beinahe sicher ist jedoch, dass dies alles zum Vorteil des Gamings geschehen wird. Denn was winkt, ist ein losgelöstes und rundherum besseres Erlebnis, als alles, was wir heute kennen und lieben.

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